Interview
Von der Gefahr zu verrohen und dem Draht in die Heimat - ein Kemptener in Afghanistan

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Seit zehn Jahren ist Krieg in Afghanistan, seit fast zehn Jahren sind deutsche Bundeswehrsoldaten dabei. Auch aus Kempten. Den längsten Einsatz absolvierte bisher der derzeitige Kommandeur des Gebirgssanitätsregiments 42 Allgäu, Dr. Frank Hengstermann. Nach achteinhalb Monaten – üblich sind Einsätze bis maximal sechs Monate – ist der Oberfeldarzt erst seit Kurzem wieder zurück in der Ari-Kaserne in Kempten. Wir sprachen mit dem 41-Jährigen über seinen Einsatz. Zur Standort-Diskussion wollte er sich nicht äußern.

Warum waren Sie länger als geplant in Afghanistan?

Hengstermann: Ich war zunächst zweieinhalb Monate als Leiter der 'MedEvac' (Medizinische Evakuierung verletzter Personen, Anm. d. Red.) in Masar-i-Scharif. Weil aber die vorgesehene Führungskraft in Kundus wegen ihrer Schwangerschaft die mobile Sanitätskompanie dort nicht übernehmen konnte, wurde ich gefragt, ob ich nicht in Kundus für weitere sechs Monate einspringe.

Und warum gerade Sie?

Hengstermann: In Masar, wo ich unter anderem für die Verletzten-Bergung über den Luftweg zuständig war, konnte ich ersetzt werden. In Kundus wurde jemand für den Boden-Transport gesucht, der Infanterie-Kenntnisse besitzt. Ich habe eine Ausbildung als Fallschirmjäger und Einzelkämpfer.

Das heißt, Sie haben die Einsätze in Kundus koordiniert. Oder sind Sie auch selbst rausgefahren?

Hengstermann: Beides. Es galt den eigenen Leuten zu zeigen, dass man sich nicht vor dem Einsatz draußen drückt.

Wie lange waren sie 'draußen'?

Hengstermann: Wenn die Infanterie auf Patrouillenfahrt geht, ist auch immer ein Sanitätsfahrzeug, meist ein Fuchs-Panzer, von uns dabei. Die Einsätze dauern durchschnittlich eine Woche. Zusammengerechnet war ich zwei bis drei Monate im Feld.

Wie gefährlich sind solche Einsätze?

Hengstermann: Sehr gefährlich. Man muss immer damit rechnen, in eine Sprengfalle der Taliban zu geraten. Ferngezündete Minen – und sie greifen nie das erste Fahrzeug an. Da ist es manchmal Glückssache, ob das eigene Fahrzeug erwischt wird oder eben nicht.

Hatten Sie Angst?

Hengstermann: Natürlich. Aber man lernt, die Angst zu kanalisieren und in Motivation umzuwandeln.

Mit welchen Verletzungen hatten Sie es zu tun? Wen haben Sie und Ihre Leute behandelt?

Hengstermann: Da war die ganze Bandbreite dabei. Vom Sonnenstich – bei 50 Grad im Schatten – über verstauchte Füße und psychische Erschöpfungen bis alle Arten von Kampfverletzungen, wie Schuss- und Splitterwunden oder Amputationen von Gliedmaßen. Behandelt werden ISAF-Soldaten und Angehörige der afghanischen Armee und Miliz. In Ausnahmefällen auch zivile Personen.

Monatelang unter Druck, weit weg von der Heimat und in einem Land, in dem man nicht unbedingt willkommen ist – wie verkraften sie das?

Hengstermann:

Ich habe bestimmte Strategien angewendet. Im Feld musst du es einfach akzeptieren, dass du an deiner Situation nichts ändern kannst. Und im Lager darfst du nicht vergessen, dass du in Kürze wieder in Deutschland ein normales Leben führen sollst. Dort musst du dich dann auch mit einer kaputten Waschmaschine herumschlagen.

Kaputte Waschmaschinen? Damit haben Sie sich doch nicht ernsthaft in Afghanistan beschäftigt – oder?

Hengstermann: Doch, das ist sogar wichtig. Es gilt, das Interesse an allem in der Heimat, auch an Kleinigkeiten, zu behalten. Deshalb ist es entscheidend, intensiv Kontakt zu pflegen. Ich habe, sooft es ging, mit meiner Freundin, mit Familiean

gehörigen und Bekannten telefoniert und mir erzählen lassen, was sie gerade bewegt. Wer sich davon abschottet, wird womöglich zum Problem, wenn er wieder zu Hause ist.

Haben Sie noch mehr Strategien?

Hengstermann: Die Gefahr ist groß zu verrohen. Das beginnt mit der Sprache. Viele Soldaten nehmen den aggressiven Slang an, der vor Ort herrscht, und wenn sie zurück in der Heimat sind, fallen sie schon durch ihre andere Wortwahl auf. Davor sollte man sich unbedingt hüten.

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