Allgäu
Vom Klagen und Danken

Wie war das noch mal mit Erntedank? Wofür danken wir da eigentlich? Und warum? Mit dem Erntedankfest startet eine neue Serie «Tage mit Sinn». Der katholische Pfarrer Karl-Bert Matthias und der evangelische Dekan Jörg Dittmar unterhalten sich über wichtige Feiertage beider Konfessionen und was es mit ihnen so auf sich hat. Denn oftmals werden inzwischen kirchliche Feiertage zwar gerne als gesetzlich geschützter freier Arbeitstag angenommen, ohne dass man sich aber des eigentlichen Hintergrundes bewusst ist - oder ihn überhaupt noch kennt. Die Pfarrer erklären den Sinn hinter den «Tagen mit Sinn».

Matthias: Was feierst du an Erntedank?

Dittmar: Den Zusammenhang von Saat und Ernte. Es klappt nicht, ernten zu wollen, ohne zu säen - das hat die Finanzkrise gezeigt. Aber zwischen dem Säen und Ernten liegt nicht alles in unserer Hand. Gott lässt wachsen. Und Erntedank ist auch ein Fest im Rhythmus der Natur: Nach dem Ernten kommt das Ausruhen. Niemand kann auf Dauer immer leistungsfähig sein.

Matthias: Da stimm ich dir zu. Aber gehen wir einmal weiter in der Menschheitsgeschichte zurück. Es ist ja eine ganz alte Tradition. In vorchristlicher Zeit hat man den Naturgottheiten Erntegaben geopfert, um sie milde zu stimmen. In ähnlicher Form hat die katholische Kirche das übernommen. Jedoch nicht, um Gott milde zu stimmen, sondern um für Saat und Ernte zu danken.

Inzwischen artet dies aber immer wieder zu Showeffekten aus, wer den schönsten Erntealtar hat.

Dittmar: Das ist vielleicht bei euch so. Ich möchte nicht unterschätzen, wie sehr Menschen daran hängen, ihre Gaben bringen zu dürfen. Ich hab als Pfarrerskindchen immer beim Altarschmücken mithelfen dürfen. Und da war einer, der brachte sogar sein Zeugnis und sagte: Ich will, dass es am Sonntag auf dem Altar liegt.

Matthias: Das sind ein bisschen alt-schöne Dinge. Erntedank sagt ja mehr. Wir müssen auch klagen können. Wenn ich den Fernseher anmache und die schlimmen Bilder sehe, da krieg ich nicht nur ein schlechtes Gewissen, da schmeckt mir ja der Apfel schon nimmer. Im Klagen entdecke ich ja das Danken.

Wenn ich klage und die Menschen aufmerksam darauf mache, wie sie mit ihren Lebensmitteln umgehen, die für uns so selbstverständlich sind, dann komm ich aus dem Klagen ins Danken hinein. Ich danke eigentlich dafür, dass vieles in meinem Leben gut ist. Aber ich habe als Christ auch eine Verpflichtung für meine Schwestern und Brüder, die im Schatten dieser Welt leben müssen.

Dittmar: Ich glaub schon, dass die Menschen heute sehr wohl dankbar sind für die Sachen, die glücken - Familien für das Kind, das geboren wurde oder Menschen, die nach einer Krankheit genesen.

Das aber ist abhandengekommen: Wie drücke ich den Dank aus? Wie mache ich ihn sichtbar - auch für andere? Und Erntedank ist eine tolle Geschichte zu sagen: ,Hallo, ich lege ein Stück meiner Dankbarkeit auf den Altar.

Matthias: Dazu gehört aber auch, dass das Fest ebenso bewusst in den Häusern wahrgenommen wird - und nicht nur hinter der verschlossenen Kirchentür. Ähnlich wie beim amerikanischen Thanksgiving. Das hat mit Kirche eigentlich nichts zu tun, aber da dankt ja auch der Vater für den Kreis der Familie, den Frieden der Familie. Dafür gehen die nicht in die Kirche, aber es ist trotzdem kirchlich geprägt. Es ist mein Anliegen, den Leuten deutlich zu machen, was für ein Segen dahintersteckt, dankbar zu sein - in aller Kritik und allem Frust.

Dittmar: Das fängt ja schon beim Tischgebet an. Das wäre das kleine Erntedankfest für alle Tage. Das Erntedankfest hat aber auch Sprengkraft: Auf den Finanzmärkten wird gerade wild mit Weizen spekuliert. Die Preise haben sich deshalb fast verdoppelt. Das bezahlen die Ärmsten der Armen mit ihrem Hungertod. Dazu dürfen wir als Christen nicht schweigen.

Matthias: So könnte man das Erntedankfest auch einmal verstehen. Danken, aber auch aufstehen und protestieren.

Dittmar: Ja.

Christian Steinmüller

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