Vom «großen Glauben» und der «Wehrkraft - Zersetzung»

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Von Veronika Krull
| Missen-Wilhams Den einen gilt er noch heute als Sonderling, der aus Dummheit sein Leben verloren hat, andere sehen ihn als Märtyrer, der für seine Überzeugung bis in den Tod einstand. Michael Lerpscher, geboren am 5. November 1905 auf einem Bauernhof in Wilhams, verweigerte unter dem Naziregime aus Glaubensgründen den Dienst an der Waffe und wurde dafür am 5. September 1940 hingerichtet.

1987 erschien das Buch «Das Lächeln des Esels», in dem die Kaufbeurer Lehrer Ernst T. Mader und Jakob Knab das Leben und Sterben des Allgäuer Bauernsohnes nachzeichnen. In seinem Heimatort löste das Werk kontroverse Diskussionen aus. Aber im August 1987 wurde an der St.-Josephs-Kapelle in Wilhams eine Gedenktafel angebracht.

Wer war Michael Lerpscher? Er wächst mit drei älteren und drei jüngeren Geschwistern auf dem elterlichen Hof auf. Die Mutter stirbt, als der Bub zehn Jahre alt ist. Michael ist ein guter Schüler und sehr religiös. «Es war ein großer Glaube da in der Familie», berichtet Gebhardine Pfeiffer (56), die Nichte und einzige noch lebende nahe Verwandte des Michael Lerpscher. Sie wurde elf Jahre nach dem gewaltsamen Tod des Onkels geboren und erfuhr nur wenig über ihn aus Erzählungen ihrer Eltern.

Sie starben, als Gebhardine 13 Jahre alt war.

Der Glaube in der Familie auf der einen Seite, die das Land beherrschende Nazi-Ideologie auf der anderen Seite: Michael, so heißt es im Buch von Mader und Knab, «kreist zunehmend still um sich selbst, je mehr die bisherigen Kameraden sich der lärmenden SA anschließen.» Er geht zur Kolpinggruppe nach Missen, ab November 1930 besucht der junge Mann die Landwirtschaftsschule im oberbayerischen Benediktinerkloster St. Ottilien. Die Patres prägen den Bauernsohn mit ihren Warnungen vor dem Nationalsozialismus. Michael kehrt 1932 auf den elterlichen Hof zurück, eckt dort mit dem Vater an, weil er bisweilen lieber die Bibel studiert, als aufs Feld zu gehen.

Ihm brennt sich der Satz ein «Du sollst nicht töten». Als 1935 die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wird, schließt Lerpscher sich der «Christkönigsgesellschaft» im schwäbischen Meitingen an, die sich vor allem für Randgruppen einsetzt. 1936 wechselt er zur Filiale «Ulrichsbrunn» bei Graz.

Im Frühjahr 1940 wird er zur 188. Division in Graz einberufen. Michael Lerpscher beschließt, gemeinsam mit seinem Mitbruder Joseph Ruf den Wehrdienst zu verweigern. Er lehnt den Fahneneid ab und wandert ins Untersuchungsgefängnis Graz. Im Juli 1940 wird er nach Wien verlegt. Der II. Senat des Reichskriegsgerichts entscheidet am 2. August auf Todesstrafe wegen «Wehrkraftzersetzung». Am 5. September wird Lerpscher im Alter von 34 Jahren im Zuchthaus auf dem Görden bei Brandenburg enthauptet.

«Diffamierung aller Gefallenen»

«Der Michl war doch ein Esel», war noch eine der freundlicheren Reaktionen in seiner Heimat, schreiben Mader und Knab. Selbst nach dem Ende des Dritten Reichs galt sein Tod vielen als Schmach. Fazit der Autoren: «Michael Lerpscher ist ein Außenseiter geblieben». Als sie, vor gut 20 Jahren, eine öffentliche Gedenktafel vorschlagen, sagt der Vorsitzende des Veteranenvereins: «Dann ist das eine Diffamierung für alle gefallenen Kriegsopfer und alle, die wir noch leben und dabei waren.»

Ruhestandsgeistlicher Rudolf Kieser, 80, war von 1960 bis 1998 Pfarrer im Dorf und hat sich seinen Angaben zufolge für die Gedenktafel eingesetzt. Er spricht von unterschiedlichen Meinungen über Michael Lerpscher im Ort, heute noch nach fast 70 Jahren. «Die einen verehren ihn, weil er so tapfer war, die anderen wollen nicht viel damit zu tun haben.» Er persönlich schätze den gläubigen Bauernsohn «sehr hoch».

Gebhardine Pfeiffer, die vor zehn Jahren in ihre Heimat zurückkehrte und heute einen Berggasthof in Wilhams betreibt: Über das Thema werde im Dorf nicht gesprochen.

Literatur: Das Buch «Das Lächeln des Esels» von Ernst T. Mader/Jakob Knab ist vergriffen. Es kann aber in der Stadtbücherei Immenstadt ausgeliehen werden.

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