Adele Bergzauber
Vom Alltag in die Berge und zurück: Holger Riedisser designt und näht Statement-Outdoor-Kleidung in Kempten

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Kapuzenpullover und T-Shirts auf Kleiderstangen in der Ecke, am Fenster stehen Nähmaschinen. Holzvertäfelte Wände, eine niedrige Decke: Der Raum in einem Altbau in der Kemptener Innenstadt hat etwas Heimeliges - vor allem, wenn das Feuer im Ofen prasselt.

Hier arbeitet Holger Riedisser (31) und näht von Hand Bergsport-Kleidung unter dem Label "Adele Bergzauber". Adele heißt die beste Freundin seiner Oma und sie ist mittlerweile 90 Jahre alt. Die gelernte Schneiderin hat Riedisser vor einigen Jahren das Nähen beigebracht. "Adele hat mir gezeigt, wie man ein Kleidungsstück aus einer Idee macht. Und wie man beim Nähen cool bleibt," sagt der 31-Jährige. Deshalb hat er das Label nach dieser handwerksbegeisterten Person benannt.

Für Riedisser ist die Rentnerin bis heute eine wichtige Bezugsperson. Das merkt man, wenn er von ihr spricht. "Sie ist ja immer Feuer und Flamme für alles, was man tut", sagt er. Und so hat sich Adele damals sehr viel Zeit genommen und ihm das Nähen ordentlich gezeigt.

Fünf Minuten Interview sind vorbei und es klopft an der alten Holztür zum Schneider-Atelier. Wir unterbrechen das Gespräch und Adele steckt den Kopf zur Tür rein. Sie fragt, ob sie Riedisser etwas vom Supermarkt mitbringen könne. Als er verneint, antwortet sie im Kemptener Dialekt "Guat, dann bekomm'sch halt nix" - genauso trocken und gleichzeitig gut gemeint, wie es eben nur die sagen können, die sich seit Jahren von Herzen gerne um ihre Schützlinge kümmern.

Holger Riedisser entwirft und schneidert Outdoor-Klamotten seit etwa fünf Jahren. Nach der "Schneider-Lehre" bei Adele hat er auf der schwäbischen Alb Bekleidungstechnik studiert und in Norwegen in einer Schneiderei gearbeitet. "Um dem ganzen Hand und Fuß zu geben", sagt er.

Wie alles begann

Aber wie kam er mit Mitte 20 darauf, mit dem Nähen anzufangen? Auf der Simms-Hütte im Lechtal hat er das Häkeln vom Wirt persönlich gelernt - an einem Abend, an dem es Schnaps gab. "Die Mützen habe ich relativ zügig verkauft und so kam ich in das Verkaufen von Kleidung rein", sagt der 31-Jährige.

Einige Zeit später war für den begeisterten Berg-Sportler die Idee geboren, selber Outdoor-Klamotten zu fertigen. Die herkömmliche Funktionsware war Riedisser zu grell und zu auffällig. Sein Anspruch an Kleidung: Sie muss fesch sein, geradlinig und sehr viel Funktion haben. Damit er sie immer und überall tragen kann, nicht nur in den Bergen, sondern auch im Alltag und beim Weggehen. "Wir haben ja nur einen Geldbeutel und aus dem Geldbeutel kann man nur einen Satz Kleidung kaufen. Also wenn man jung ist, vor allem", sagt er.

Im Allgäu funktioniert sein Konzept. Die Menschen in der Region sind bergnah und verstehen, was Riedisser mit seinem Label bezwecken möchte: Beim Tragen der Kleidung sportliches Image ausdrücken. Ein Statement für das Umfeld setzen: "Daran sehen die Leute, dass du gerne Sport machst. Wo du hingehörst, was du in deiner Freizeit tust und können damit auch dein Image so ein bisschen einstufen," sagt er.

Viel Erklärungsbedarf

"Meine Ware ist etwas strange vom Griff," sagt Riedisser. Die Kleidung ist also nicht "zum Kuscheln". Die Stoffe bezieht er aus der Schweiz. Funktionell müssen sie sein: atmungsaktiv und schmutzabweisend - deshalb haben die Stoffe eine raue Oberfläche. Das gibt den sogenannten Lotusblüten-Effekt . Wasser perlt ab. "Da muss man viel erklären, um es den Leuten klar zu machen, dass es was Gescheites ist. Es ist was Neues," sagt Riedisser.

An einem Tag näht er fünf Pullover - vorausgesetzt die Konzentration passt. Den Prozess des Designs verschiebt Riedisser oft in die Abend- und Nachtstunden. "Da bin ich kreativer im Kopf", sagt er.

Der 31-Jährige ist zusätzlich zur Fertigung der Kleidung noch alle zwei Wochen auf Sport-Events und Design-Märkten unterwegs. Dort verkauft er seine Ware direkt. Auch über den Online-Shop können die Kunden bestellen. Für 95 Euro gibt es Pullover, ab 28 Euro T-Shirts und für 225 Euro Jacken. Zwischenhändler hat Riedisser nicht. Sonst müsste er die Kleidung teurer verkaufen und das "funktioniert vom Preis her nicht. Die Schmerzgrenze wäre sonst überschritten."

Riedisser kann von Adele Bergzauber gut leben. "So wie es Gleichaltrige auch tun. Um als 45-Jähriger mit zwei Kindern gut leben zu können, muss ich aber noch ein bisschen was tun", sagt er. Darum gehe es ja auch. Ums Weitermachen.

Nähen, designen, unterwegs auf Messen, Buchhaltung - wo bleibt da noch die Zeit für die Berge?

"Oft probiere ich es so zu legen, dass ich abends und in die Nacht hinein arbeite, um dann das Tageslicht zu nutzen." Dann geht er Mountainbiken und Bergsteigen im Sommer. Oder Telemarken und Skifahren im Winter. "Das muss man sich auch erhalten", sagt er. "Weil sonst wird das auch nicht mehr schön, was man macht."

Autor:

Larissa Pucher aus Kempten

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