Viele Schutzengel für Lukas

Lediglich zwei gestauchte Fersen – so die Diagnose. Ganze Heerscharen von Schutzengeln musste Lukas Mann wohl gehabt haben, als er schlafwandelnd aus dem Fenster des ersten Stocks stürzte.

'Gecheckt, was passiert ist, habe ich erst im Krankenhaus. Das war ein Schock", erinnert sich der Zehnjährige. Auch Mutter Claudia und Schwester Verena denken mit Schrecken an diese Nacht zurück. Nach einem ausgelassenen und fröhlichen Tag sind die Geschwister gegen 21 Uhr ins Bett gegangen. Eine Stunde später bemerkte Claudia Mann, dass ihr Sohn ins Bad gegangen war.

'Den Fernseher habe ich immer sehr leise gestellt, damit ich gleich höre, wenn was mit den Kindern ist", so die zweifache Mutter. Sie dachte, ihr Sohn müsse zur Toilette. Doch wenig später hörte sie Schreie und stürzte ins Badezimmer: Hier war Lukas nicht. Geistesgegenwärtig rannte Claudia Mann nach unten und öffnete die Haustür.

Dort lag ihr weinender Sohn, der über starke Schmerzen in den Fersen klagte. Auch die zwölfjährige Verena war wach geworden und stand geschockt vor ihrem Bruder, als sie erfasste, was passiert sein musste.

Was war passiert?

Claudia Mann trug den Verletzten kurzerhand in eine Decke eingewickelt ins Wohnzimmer. 'Lukas muss nach dem Gang zur Toilette zunächst auf den Rand der Badewanne gestiegen sein, dann einen darüber angebrachten Heizkörper überwunden haben, durch das verhältnismäßig kleine Fenster ausgestiegen sein und – nach den Fingerabdrücken zu urteilen, die auf dem Fensterbrett noch zu sehen waren, sich festgehalten haben und nach unten gesprungen sein", rekonstruiert die Mutter den Unfall. Das Fenster befindet sich etwa viereinhalb Meter über dem Boden. Dieser besteht aus harten Betonplatten.

Böses Erwachen

Im Krankenhaus angekommen konnte sich Lukas an nichts erinnern. Erst als er zur Beobachtung im Klinikum Kaufbeuren lag, fiel ihm sein Traum aus jener Nacht wieder ein: 'Ich habe geträumt, ich hänge am Fenster. Ich konnte sogar den Wind in den Haaren spüren", erzählt er. Allerdings habe das Fenster anders ausgesehen. Dann sei er aufgewacht, weil ihm die Füße wehtaten.

Wie ein Wunder

'Es war für uns alle ein außergewöhnlicher Fall, dass ein Kind einen solchen Sturz erlebt und mit geringen Verletzungen überlebt", so Dr. Gabriele Unterholzner, Oberärztin der Kinderklinik Kaufbeuren. 'Da hat Lukas einen guten Schutzengel dabei gehabt." Noch während der Zehnjährige im Krankenhaus lag, ließen die Eltern alle Fenster mit Schlössern ausstatten, damit so etwas nicht wieder passieren kann.

'Bevor ich ins Bett gehe, überprüfe ich noch mal alle Fenster und Türen, ob sie auch abgeschlossen sind", verrät Claudia Mann. Sowohl Lukas als auch Verena haben einige Wochen gebraucht, um das Erlebte zu verarbeiten. Während der Schlafwandler regelrecht Angst hatte, schlafen zu gehen, hatte die Schwester Albträume.

Dass Lukas Schlafwandler ist, war der Familie bis zum Zeitpunkt des Unfalls nicht bekannt. Mit Autosuggestion versucht sie nun die Schlafstörung zu besiegen. Der Leitspruch lautet dabei: 'Wenn Deine Füße den Boden berühren, wirst Du wach". Dieser Formel versuchen die Manns nun fest zu vertrauen. Denn spezielle Behandlungsformen gebe es leider nicht, erklärt Dr. Gabriele Unterholzner .

Schlafwandeln

Dr. Gabriele Unterholzner, Oberärztin der Kinderklinik Kaufbeuren, erklärt:

'Schlafwandeln kommt bei Kindern häufiger vor. Etwa 15 Prozent der Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren sind davon betroffen, zumeist im ersten Drittel der Nacht. Ein Zusammenhang mit der Mondphase besteht nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht. Prinzipiell handelt es sich um eine Form der Schlafstörung, die sich zumeist bis zur Pubertät 'verwächst".

Ein bis zwei Prozent der Erwachsenen leiden ebenfalls an Somnambolismus, so der Fach-Terminus. Daraus können sich gefährliche Situationen ergeben, insbesondere, wenn das Schlafwandeln nicht bekannt oder bewusst ist. Spezielle Behandlungsformen gibt es nicht. Den Schlafwandler zu wecken und zu schimpfen, ist nicht angebracht.

Das Kind sollte sanft berührt werden und ins Bett zurückgebracht werden. Unbedingt sollten die Eltern sich Gedanken machen, welche Verletzungsquellen im Haus bzw. in der Wohnung bestehen könnten und wie das Kind davor beschützt werden kann."

Autor:

Redaktion extra aus Kempten

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