Memmingen
«Viele schämen sich»

Christina schnappt nach einem Salatkopf, packt Käse, Wurst und Brot in ihren Korb und legt ein paar Kartoffeln daneben. «Das ist mein Wocheneinkauf», sagt die 44-jährige Mutter zweier Söhne. Sie schlendert durch den kleinen Raum in der Hinteren Gerbergasse und stöbert in den Regalen. Was nach Tante-Emma-Laden aussieht, ist in Wirklichkeit die Memminger Tafel (siehe Infokasten). «Ich bin gottfroh, dass es diese Einrichtung gibt», betont Christina. Denn ohne diese Hilfe würde es nicht gehen. «Wir müssten jeden Tag Nudeln mit Ketchup essen», erzählt die 44-jährige Arbeitslose.

Wie Christina geht es vielen. Knapp 300 Erwachsene haben sich bei der Memminger Tafel einen Ausweis machen lassen. «Und es werden jährlich mehr», sagt Alain Haubrich. Seit drei Jahren ist er beim Katholischen Verband für soziale Dienste (SKM) für die Memminger Tafel verantwortlich.

Erfolglose Jobsuche

«Viele Leute, die zu uns kommen, wollen arbeiten, finden aber nichts», sagt Haubrich. Das bestätigt Norbert Schreff, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Grundsicherung (Arge): «Seit Herbst 2008 steigen die Arbeitslosenzahlen aufgrund der Wirtschaftskrise wieder an.» Er erklärt: «Viele Leute hatten befristete Verträge oder waren bei Zeitarbeitsfirmen beschäftigt.» Schreff kennt die Zahlen der Empfänger von Arbeitslosen- und Sozialgeld, weiß aber auch genau, dass die Dunkelziffer der Bedürftigen höher ist.

Im Januar gab es knapp 1700 Hilfeempfänger in Memmingen - darunter 1230 erwerbsfähige Erwachsene und 480 Kinder und Jugendliche. «Unter den Empfängern sind zum einen Langzeitarbeitslose und immer häufiger Leute, die trotz einer Arbeit zu wenig Geld für den Lebensunterhalt haben», sagt Schreff. Bedürftige Bürger über 65 Jahren erhalten vom Sozialamt die Grundsicherung im Alter. In Memmingen waren das im vergangenen Jahr 182 Personen.

Mehr Schuldnerberatung

«Die Nachfrage nach Schuldner- und Insolvenzberatung steigt bei uns seit Jahren», sagt Simone Jendrosch vom Deutschen Caritasverband. 2007 ließen sich 345 Personen im Landkreis Unterallgäu beraten. 2009 waren es 601. «Durch Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit nimmt die Armut zu», so die Sozialpädagogin.

Herbert Lochbrunner, Bezirksgeschäftsführer des Sozialverbands VdK, beobachtet einen jährlichen Zuwachs an Mitgliedern. «2009 hatten wir knapp 800 Neuaufnahmen im Unterallgäu.» Zudem habe sich der Beratungsbedarf enorm erhöht. Nach seinen Worten wird wohl auch die Armut weiter steigen.

Wege aufzeigen

Das spüren auch die Kirchen. «Die Menschen kommen zu uns und erwarten Hilfe», sagt der evangelische Dekan Kurt Kräß. «Wir zeigen ihnen Wege auf und versuchen sie zu unterstützen. Viele Leute schämen sich auch», so Kräß. Aus diesem Grund habe man im Kaufhaus der Diakonie in der Kalchstraße bewusst eine Atmosphäre geschaffen, «wo sich die Menschen nicht ausgegrenzt fühlen», so der Dekan.

«Ich habe bei der Tafel Freunde gefunden, die mir Kraft geben», sagt Christina. «Denn hier haben alle das gleiche Problem: kein Geld für die nötigsten Lebensmittel.»

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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