Allgäu
Viehscheid: Zwischen Tradition und Touristen-Rummel

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Früher war alles viel ruhiger. Schon vor über 40 Jahren sprang Peter Scholz als kleiner Bub bei seinem Vater auf der Alpe herum und beobachtete, wie beim Viehscheid die Rinder ins Tal getrieben und ihren Besitzern übergeben wurden. «Anfangs schauten dabei noch wenige Besucher zu, die von Jahr zu Jahr aber immer mehr wurden», erzählt der dienstälteste Pfrontener Alphirte. Inzwischen habe sich der Abtrieb zu einem touristischen Magneten entwickelt.

<< Vor gut 50 Jahren kamen lediglich die Bauern, deren Angehörige und Bekannte sowie ein paar Einheimische vom Ort und aus der Nachbarschaft zu den Viehscheiden >>, erinnert sich Franz Hage, Vorsitzender des Alpwirtschaftlichen Vereins Allgäu (AVA). Erst nach und nach seien immer mehr Touristen dazu gestoßen, woraufhin die ersten Krämermärkte entstanden. << Da merkte man, dass man damit Geld verdienen kann. >>

Die Viehscheid-Traditionen zu bewahren sei nicht immer einfach - vor allem vonseiten der Hirten, weiß Hage. Laut dem AVA-Vorsitzenden wollen einige Bauern mit dem Touristen-Rummel möglichst wenig zu tun haben: << Manche von ihnen haben mittlerweile sogar kein Interesse mehr, das Vieh vom Berg zu holen. >> Allerdings profitiere nun mal die Alpwirtschaft vom Tourismus und umgekehrt.

Nicht umsonst würden viele Bürgermeister über den Viehscheid von der << dritten Saison >> sprechen - neben Sommer und Winter: In der Zeit des Abtriebs werde vielerorts gut ein Drittel des Jahresumsatzes erzielt.

Wünsche der Hirten wichtig

<< Einerseits wird der Viehscheid natürlich touristisch genutzt. Andererseits bestehen wir aber darauf, dass der Tag bis zur Schellenverlosung so gestaltet wird, wie die Hirten sich das wünschen >>, sagt Sigbert Prestel, selbst Alphirte und stellvertretender Geschäftsführer für Sport und Freizeit von Oberstaufen Tourismus. Krämermarkt und das Abendprogramm seien dann eher für Touristen gedacht. Prestel: << Auch wer sagt, er veranstalte einen kleinen Viehscheid, kann ja nicht einfach die Besucher ausschließen. >>

Keinen Kitsch anbieten

<< Wer zu uns nach Gunzesried kommt, will nur den Viehscheid sehen und keinen Rummelplatz >>, betont Scheidmeister Martin Sichler. Freilich profitiere die Gemeinde von den zahlreichen Touristen, die sich auch nach der Hauptveranstaltung im Festzelt oder auf dem Krämermarkt tummelten. Sichler: << Wir achten aber besonders darauf, dass bei unserem Viehscheid kein Kitsch geboten wird. >>

<< Keinen Kitsch, sondern Hochwertiges, wie etwa aus echter bayerischer Handarbeit gefertigte Krüge >>, will die Gemeinde Pfronten ihren Viehscheid-Gästen laut Jessy Arlt bieten.

Wichtig ist der stellvertretenden Tourismusdirektorin besonders, dass die Besucher auch die Hintergründe und die Tradition der Veranstaltung verstehen und hinter die Kulissen blicken können. Darum gibt es die sogenannten Viehscheid-Däg: Während der zweiwöchigen Aktion, bei der auch ausgewählte lokale Einzelhändler mitmachen, erfahren Interessierte unter anderem, wie Kranzkronen gebunden, Kuhschellen geschmiedet, Haferlschuhe genäht oder Bergstecken geschnitzt werden.

<< Mancherorts werden mehrere Rinder immer geschmückt, was aber nur die Touristen anlocken soll >>, meint Arlt.

Beim Viehscheid in Pfronten dagegen werde das Leitrind nur mit dem traditionellen Kopfputz geschmückt, wenn alle Herdetiere den Alpsommer unbeschadet überstanden haben, genau so, wie es die Tradition will. Auch AVA-Vorsitzender Hage bestätigt: << Im Oberallgäu wird das jeweilige Kranzrind definitiv nicht geschmückt, falls etwas passiert ist. >>

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