Scheidegg
Vergebliches Wüten der gewaltvollen Welt

Die Fastenzeit nutzen Christen für die Vorbereitung auf Ostern. Doch vor der Auferstehung stehen Leiden und Tod Jesu. In meist 14 Stationen stellen Bildnisse in katholischen Kirchen die Passion dar und laden Gläubige zu Meditation und Gebet ein. In den kommenden Wochen stellen wir Kreuzwege in Westallgäuer Kirchen vor. Die Kreuzwegbilder in der Scheidegger Pfarrkirche St. Gallus stammen vom Lindenberger Kirchenmaler Maximilian Bentele (1825-1893).

Maximilian Bentele konnte sich dank seiner Fähigkeiten viel künstlerische Freiheit nehmen beim Gestalten des Scheidegger Kreuzwegzyklus im Jahr 1856. Die Figuren seiner Szenen sind in den Proportionen nicht immer ganz exakt, ihre Bewegungen teilweise fast verdreht.

Beim vertieften Betrachten mehrer Szenen wird das Konzept Benteles deutlich. Er arbeitet den Kontrast zwischen den beiden Welten heraus, die er hier in einem einzigen Geschehen schildert: die der weltlichen (Gewalt-) Herrscher und jene des friedvollen, dem Höheren verbundenen Gottessohnes.

Lanzen und Speere recken die römischen Peiniger Jesu in die Höhe, sie wirbeln mit Seilen und drohen mit Keulen. Und zwischen ihnen steht Jesus, der konzentriert und unbeirrt den Augenblick lebt, dessen Bedeutung nur er kennt.

Nichts als Werkzeug

Das hektische Treiben der Aggressoren nimmt in der dynamischen Darstellung Benteles einen großen Teil des Bildes ein - und doch fesselt Jesus mit seiner sicheren Ruhe die Aufmerksamkeit des Betrachters. Wenn er seiner Mutter oder Veronika in die Augen blickt, scheint das Wüten der Welt um sie herum vergeblich und hohl. Trotz aller Macht und Gewalt sind Jesu Gegner, das römische Reich und die Soldaten nichts anderes als Werkzeuge, die eine längst vorgeschriebene Geschichte zu erfüllen haben. In der zehnten Station («Jesus wird seiner Kleider beraubt») scheint Christus selbst das Geschehen wie einen Film zu erleben, den er nicht stoppen kann.

Die Kreuzigungsszene (zwölfte Station) hat Maximilian Bentele architektonisch aufgebaut. Die beiden anderen gekreuzigten Verurteilten säumen wie Säulen das Bild, Jesus mit Maria und Johannes sind zentral und symmetrisch angeordnet. Auch diese Bildkomposition könnte als Analogie für die Erfüllung eines Plans verstanden werden.

Mit rotbraunen Erdtönen hat Maximilian Bentele die 13. Station gemalt («Jesus wird vom Kreuz abgenommen»). Es ist ein Bild von großer Tiefe. Maria hält den Leichnam ihres Sohnes und blickt leer in die Ferne. Ein Schwert steckt in ihrer Brust. Es scheint, als sei plötzlich Stille eingekehrt nach all diesem Wüten.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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