Kempten
«Uwe äh, Angie» - oder wie ein Mann zur Frau wird

Angelique. Die Rothaarige mit diesem Namen liebt Stöckelschuhe und steuert Loks. Auf den ersten Blick ist die Kemptenerin eine Frau wie andere - figurbetontes Kleid, dezentes Make-up. Die tiefe Stimme aber macht stutzig. Früher hieß sie Uwe. Uwe Engelmann. Doch den gibt es nicht mehr. Seit drei Jahren steht im Personalausweis der 38-Jährigen Angelique Engelmann.

Die Frau, die mit diesem Namen in eine neue Identität geschlüpft ist, geht in der weiblichen Rolle auf. Wenn sie selbstbewusst in hochhackigen Pumps durch die Fußgängerzone stöckelt, dann drehen sich Passanten um. In Szene setzen wolle sie sich jedoch nicht, winkt die 38-Jährige ab. «Ich liebe einfach feminine Outfits», stellt sie klar, «weil es mir gefällt, endlich eine Frau zu sein.»

Dass sie als solche schon wegen ihres maskulinen Körpers auffällt, daran hat sie sich gewöhnt. Und sie staunt, wie tolerant die Allgäuer mit ihr umgehen. «Das hätte ich nie gedacht», sagt sie. Nur Pubertierende im Rudel machen schon mal spöttische Bemerkungen. «Damit gehe ich inzwischen gelassen um», meint Angelique, die als Lokführerin arbeitet und privat Gleitschirm fliegt.

Wenn sie Bahnreisende chauffiert, denkt sie manchmal über ihr Leben nach: Als Kind einer alleinerziehenden Mutter lebt Uwe ein ganz normales Bubenleben in Thüringen. Mit Spielplatz-Abenteuern und dem Wunsch, Lokführer zu werden. Als Jugendlicher merkt er, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Die unangenehmen Empfindungen verdrängt er. Erst als es ihn 1999 beruflich ins Allgäu verschlägt, kann er das Gefühl, im falschen Körper zu leben, nicht mehr ignorieren. «Transsexualität» nennt das die Wissenschaft. Uwe meistert psychologische und bürokratische Hürden, schluckt weibliche Hormone und wechselt die Rolle.

Noch als Mann, kommt er plötzlich geschminkt zur Arbeit. Die Kollegen tuscheln. Er probiert die Kleider der Freundin an und wagt sich damit erstmals in München auf die Straße. Dort knüpft er Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe und wird zum «Coming out» ermutigt. 2006 spricht er in Kempten mit den Bahnvorgesetzten. Die zeigen durchwegs Verständnis. Ein Aushang am schwarzen Brett klärt die Belegschaft auf, dass Uwe Engelmann sich zu einem Leben als Frau entschlossen hat und künftig Angelique heißen wird. Die Kollegen sind irritiert. «Uweäh Angie», stammeln sie anfangs noch. Doch irgendwann haben sie sich mit dem Rollenwechsel abgefunden.

Nicht so einfach sei es für ihre Mutter gewesen, «die das Ganze zwar akzeptiert, aber bis heute nicht verstehen kann», sagt Angelique. Alles Verständnis der Welt findet sie dagegen bei Freunden und ihrer Lebensgefährtin. «Meine Partnerin ist eine riesige Stütze für mich, ich bin seit zwei Jahren glücklich mit ihr.»

Demnächst nun wird die Frau, die früher ein Mann war den letzten Schritt wagen: die operative Geschlechtsumwandlung. Eine ernste Sache, der Angelique dennoch Humor abgewinnt. «Im nächsten Leben», sagt sie lachend, «werde ich mir all´ die Mühen ersparen und als Mädchen auf die Welt kommen.»

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