Kaufbeuren
Unverzichtbar, geheimnisvoll und allgegenwärtig

Alljährlich gibt es deutschlandweit den Mühlentag, an dem noch bestehende Mühlen besichtigt werden können. Doch viele sind nicht mehr zu sehen. Dabei war es vor 50 Jahren ein gewohntes Bild, dass Mühlen mitten in den Dörfern und sogar Städten standen. «Ich kann mich daran noch erinnern. Die Leute brachten Getreide zur Mühle und bekamen Mehl und Kleie zurück. Damit gingen sie zum Bäcker, ließen sich Brot backen oder machten selber Schwarzbrot», erzählt der Irseer Müllermeister Uli Scharpf.

Und weil Brot ein Grundnahrungsmittel ist, beginnt die Geschichte der Mühlen vor langer Zeit. Denn vor dem Backen stand allzeit das Mahlen des Korns. Bereits im Neolithikum (Jungsteinzeit etwa von 5500 bis 1700 vor unserer Zeitrechnung) wurden Mühlsteine von Bauern eingesetzt. Nach der menschlichen kam die tierische Muskelkraft dazu. Dann folgten Wasser, Wind und schließlich Motoren, um die Mühlen mahlen zu lassen. Die Wassergetriebenen sind im deutschen Raum mindestens seit 696 bekannt, erste Windmühlen kamen im Mittelalter auf. Mit dem technischen Fortschritt vervielfachte sich auch die Zahl der Antriebsarten (siehe Infokasten).

Wassermühlen gab es praktisch an jedem Fluss, Bach oder halbwegs fließendem Gewässer. Sie trieben zumeist Getreidemühlen an. Nicht von ungefähr ist noch heute Müller der häufigste Familienname in Deutschland. Doch mit ihrem Hang, die technischen Errungenschaften zu nutzen, rückten die Müller gesellschaftlich ins Abseits: «Wegen der Technik galt der Beruf als geheimnisvoll. Außerdem hatten sie einen schlechten Ruf, da sie das Getreide wogen», erläutert Franz Rotter, der in Pforzen ein Mühlenmuseum betreibt.

Im Kaufbeurer Umland gab es eine nicht mehr nachvollziehbare Anzahl von Mühlen an Gennach, Geltnach, Hühnerbach, Kirnach, Salach und Wertach sowie zahlreichen natürlichen oder künstlichen Mühlbächen.

Georg Abröll von der Bezirksheimatpflege in Augsburg kommt auf rund 20 Getreidemühlen, Rotter hat 13 zusammengetragen, doch tatsächlich waren es weit mehr - allerdings ist keine mehr in Betrieb. Den letzten Aufschwung erlebte die Branche nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Wirtschaft lag brach, die Menschen hungerten, aber Mehlprodukte waren günstig. Doch Anfang der 1960er Jahre änderte sich das Bild: Die Landwirtschaft und damit die Fleischerzeugung boomte, und durch das Wirtschaftswunder war wieder Geld zum Ausgeben da. «Die Leute wollten nun keine Nudeln mehr, sondern Fleisch. Der Absatz der Mehlprodukte brach ein», erzählt Rotter.

Die Bundesregierung und die EU reagierten darauf und schufen eine Mühlenauflösungsprämie, damit die Müller aufgaben, erläutert Erich Negele, Bürgermeister von Westendorf. Auch dort wurden zwei Mühlen geschlossen. Heute erinnern an die einstigen Standardgebäude an den Gewässern meist nur noch Wasserräder, von denen einige Energie erzeugen, und die Museumsmühle.

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