Kempten
Unterhaltsam, aber nicht mitreißend

Die Geschichte vom Brandner Kasper, der mit Schnaps und Kartentricks dem Tod einige Lebensjahre abtrotzt, erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Nach Stückls grandioser Neuinszenierung am Volkstheater München und der Verfilmung mit Bully Herbig erreicht das Stück fast Kultstatus. Allerdings wurde das Gastspiel des Tegernseer Volkstheaters nicht deswegen in die große Big Box verlegt, wo das Bühnenbild der Gebirgslandschaft etwas verloren wirkte. Vielmehr rechneten die Veranstalter mit mehr als nur 600 Besuchern. Außerdem wäre der Einbau einer geeigneten Bühne in die kleinere Kultbox nicht wirtschaftlich gewesen, wie Big-Box-Sprecherin Monika Moras erklärt.

So verliert sich die kammerspielartige Szene in Brandners guter Stube in dem riesigen Saal. Doch dann wird es spannend. Der Boanlkramer kommt und will den Brandner mit ins Jenseits führen, « wie es ihm aufgesetzet ward». Dieser arglose, nicht sehr weltläufige Tod, der fast wie ein Kind darunter leidet, dass er nirgends recht willkommen ist, lässt sich von dem Schlitzohr Brandner aufs Kreuz legen.

Der ist schon sein ganzes Leben lang mit viel Humor, Raffinesse und mit dem Herz am rechten Fleck durchs Leben gegangen, er will sich auch jetzt nicht vom Tod die Butter vom Brot nehmen lassen. Listig schafft er es, noch weitere 18 Lebensjahre für sich herauszuhandeln.

Hanner Quest gibt dem Brandner Kasper in dieser Inszenierung nicht die kraftvolle Lebensbejahung und schillernde Verschmitztheit, die den Büchsenmacher so charmant und liebenswert machen. Zu weinerlich fürchtet er um sein Leben und ist zu wenig Schalk im Umgang mit dem Tod.

Stefan Hillebrand trifft mit seinem wunderbar geschminkten Gesicht, dem knochigen Schädel mit Backenbart und mit seinen flinken, gebeugten Beinen, die unter einem schwarzen Umhang hervorkommen voll und ganz das Bild, das man vom Boanlkramer hat. Mit seiner besonderen Sprechweise erschafft er einen grotesken, aber warmherzigen und sehr sympathischen Tod.

Dennoch fehlt ihm die Aura des Unheimlichen und Schicksalhaften, die der so verständnisvolle Tod fast als Last und unfreiwillig doch immer um sich hat, um die Komik der Figur ganz auszuleuchten.

Insgesamt hat sich die Regie der Brüder Kern zu sehr auf die Qualitäten der Vorlage verlassen und sich nicht genug darum bemüht, die köstlich absurden Situationen und den sehr lebensnahen Humor pointierter zu setzen. Daher blieb der Abend ein wenig trocken, ihm fehlte Kraft und mitreißende Komik.

Mehr Schwung kam nach der Pause auf, als die Geschichte in den Himmel vor das Tor zum Paradies führte. Dort ist der tänzelnde, stolze Erzengel Michael zugange, herrlich steif vorgeführt von Rainer Schissel. Hier erreichen auch der Wortwitz und die Eroberung bayerischer Gutmütigkeit und anarchistischer Logik ihren Höhepunkt.

Das Publikum bedankte sich mit kräftigem Applaus.

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