Allgäu
Unter Null: Wenn die Kälte in alle Knochen kriecht

Wenn er ein, zwei Nächte im Freien geschlafen hat, spürt Erich Kastelberger die Kälte in jedem Knochen. «Im Winter draußen zu sein, das ist ganz schlimm», sagt der 77-Jährige. Er hat solche Nächte schon oft erlebt. Seit 49 Jahren lebt er auf der Straße. Aber jetzt, im Alter, verträgt er es immer schlechter, wenn das Quecksilber unter null fällt. Nach zwei Nächten im Schlafsack braucht er dringend ein warmes Zimmer. «Ich muss mich erholen, sonst pack ich es nicht mehr», sagt der Mann mit dem mächtigen Vollbart. Minusgrade und sein angeschlagener Körper machen ihm immer mehr zu schaffen. Deswegen hat er in diesem Jahr einen Weihnachtswunsch. Einer, dessen Erfüllung ihm das Leben retten könnte.

Über Menschen wie Erich Kastelberger existieren keine verlässlichen Zahlen. Hier, am äußersten Rand der Gesellschaft muss sogar die Statistik passen. Wie viele es von ihnen gibt, lässt sich nur schätzen. Drei- bis viertausend sollen es in Bayern sein. Vermutlich sind es deutlich mehr.

«Es braucht heutzutage nicht viel, um auf der Straße zu landen», sagt Burkhard Fliess, Leiter der Kemptener Wärmestube. Krankheit, eine Scheidung, Mietschulden oder Arbeitslosigkeit - es sind eigentlich immer die gleichen Gründe, die dazu führen, dass ein Leben aus der Spur gerät. Und natürlich spielt auch Alkohol oft eine Rolle. Wer erst einmal so weit unten ist, hat es schwer, wieder in die Normalität zurückzufinden. Der 63-jährige Fliess weiß das aus eigener Erfahrung. Nach einer Scheidung lebte der gelernte Industriekaufmann vier Jahre ohne Dach über dem Kopf.

Erst als er eine Frau kennenlernte, die ihn unterstützte, sah er wieder eine Perspektive, fand er wieder eine Arbeit. Seit 15 Jahren nun leitet Fliess die Wärmestube (siehe Infokasten).

Mehr als eine Suppenküche

Die Einrichtung soll mehr sein als eine Suppenküche. Gleichwohl es hier Frühstück gibt und eine warme Mahlzeit: Ein Angebot, das übrigens nicht nur Obdachlose annehmen, sondern auch Rentner, Arbeitslose, Hartz-IV-Empfänger, alleinerziehende Mütter - Menschen mit schmalem Geldbeutel eben.

Das Essen ist das eine, genauso wichtig ist Fliess jedoch die praktische Hilfe für die Obdachlosen. «Es ist nicht damit getan, ihnen eine Unterkunft anzubieten.» Fliess hilft bei Behördengängen, hört zu und kämpft an gegen Vorurteile. «Selbst schuld, wenn einer auf der Straße landet.

So denken die Leute doch». Dabei haben viele Obdachlose einfach nur Pech gehabt, das Schicksal zog ihnen die Beine weg - und das Aufrappeln gelingt nur schwer, sagt Fliess. An Weihnachten fallen viele Obdachlose zusätzlich in ein emotionales Loch. Fliess drückt es so aus: «Da gehen die Gedanken hin zur Familie, an ein Zuhause, an die Kinder. Eine ganz sensible Zeit.»

Womit wir nun wieder bei Erich Kastelberger wären. Heiligabend wird der 77-Jährige, so hofft er jedenfalls, in einer kleinen billigen Pension verbringen. Jetzt sitzt er an einem Tisch der Wärmestube, Plastiktischdecke, Tannengrün, eine Kerze brennt. Die Haut, die der Bart nicht bedeckt, ist ohne Falten, die Augen wach. «Äußerlich sehe ich vielleicht jünger aus, aber innerlich bin ich alt und kaputt», sagt er, kramt aus einem Jutebeutel mühsam ein Papier hervor.

Ein ärztliches Gutachten: Sein Herz ist angegriffen, der Zucker so hoch, dass er jederzeit in ein tödliches Koma fallen kann. Der Arzt empfiehlt die Unterbringung in einer Wohnung, damit die dringend nötige Insulinbehandlung begonnen werden kann. Seit Oktober müht sich Kastelberger um ein Dach über dem Kopf. Vergeblich bislang. Kastelberger stellt keine Ansprüche, ein kleines Zimmer, das wäre schon was. Wo er seine Ruhe hat, sich erholen kann. Sein großer, sein einziger Wunsch. Er sagt: «Seit 49 Jahren bin ich auf der Straße. Fast habe ich mich an dieses Leben gewöhnt. Aber jetzt - jetzt geht es einfach nicht mehr.»

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by Gogol Publishing 2002-2019