Kempten / Mazar-e Sharif
Unter dem Roten Kreuz Zielscheibe für Rebellen

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Eine Badewanne, einmal wieder im Fastfood-Restaurant essen, grüne Wiesen sehen, Regen, ein eigenes Bett und endlich ausschlafen: Das waren die Dinge, die Michael W. in seinen vier Monaten in Mazar-e Sharif am meisten vermisst hat. Der Oberleutnant beim Kemptener Gebirgssanitätsregiment 42 war von Mitte März bis Ende Juli bei der Medevac-Kompanie dafür zuständig, die Einsätze der Sanitäter zu koordinieren.

Die Zeit im Norden Afghanistans war für den 34-Jährigen sein fünfter - und wie er sagt, bestimmt nicht sein letzter - Auslandseinsatz. «Man macht Erfahrungen, die einem keiner mehr nehmen kann», betont er. Und er sieht die Einsätze als berufliche Herausforderung: Die internationale Zusammenarbeit reize ihn und im Ausland stünden die bessere Technik und das bessere Material zur Verfügung. Die größte Motivation aber sei für den Sanitäter das Gefühl, gebraucht zu werden - und helfen zu können.

Helfen können. Dazu haben die Sanitäter laut Michael W. in Afghanistan ausreichend Gelegenheit. Die eigenen Truppen brauchen sie, die anderen Soldaten der Nato, die der afghanischen Armee und - wenn Zeit bleibt - auch Zivilisten. Konkret besteht die Hilfe darin, Schwerverletzte über Usbekistan nach Deutschland auszufliegen und Verletzte im Lazarett zu versorgen.

Michael W. schulte zudem die afghanische Armee und die Polizei in Sachen Sanitätsdienst und er war für die Einsätze der Sanitäter verantwortlich. Denn bei jeder Patrouille sind in geschützten Fahrzeugen auch Sanitäter dabei.

Wie gefährlich sind diese Einsätze? Die Gefahr, sagt Michael W. sei immer vorhanden und vor allem spürbar. «Man hatte schon ein mulmiges Gefühl, wenn man das Lager verließ und war erleichtert, wenn man wieder hineinkam», erinnert sich der 34-Jährige: «Jederzeit hätte es scheppern können.» Denn auch im Norden des Landes gebe es mittlerweile täglich Anschläge, weiß der Oberleutnant. Früher - Michael W. war bereits zwischen 2004 und 2005 beim ersten Einsatz von Kemptener Soldaten in Afghanistan stationiert - sei das nicht so gewesen. Inzwischen aber hätten sich die Rebellen das Rote Kreuz zur Zielvorgabe genommen.

Die Konsequenz: Die Sanitäter seien fast genauso schwer bewaffnet wie die übrigen Soldaten und würden bei Patrouillen zum eigenen Schutz oft gar nicht mehr mit dem Roten Kreuz gekennzeichnet.

Über seinen mittlerweile fünften Auslandseinsatz spricht der 34-jährige Oberleutnant nüchtern. Angst, meint er, habe er eigentlich nicht gehabt, auch nicht, bevor es losging. «Da läuft so ein Automatismus ab», sagt er. Freilich. Alle Angelegenheiten müssten geregelt werden - für den Fall, über den sich der junge Soldat eigentlich keine Gedanken machen möchte. «Aber im Grunde genommen», meint Michael W., «kann doch überall was passieren.» Die Fürsorge für die jüngeren Untergebenen spiele für ihn mittlerweile die weit größere Rolle.

Und so habe es ihm in seiner Zeit in Afghanistan vor allem schlaflose Nächte bereitet, wenn sich seine Sanitäter über mehrere Tage hinweg außerhalb des Lagers befanden: «Da macht man sich einfach Sorgen.»

Permanente Anspannung

Das Unangenehmste, erinnert er sich, war diese permanente Anspannung, die den jungen Oberleutnant über die Monate hinweg begleitete. 24 Stunden am Tag. Wie er damit klarkam? «Ich habe täglich bis zu zwei Stunden Sport gemacht.» Ganz wichtig war ihm auch der regelmäßige Kontakt zur Familie.

Rund 180 Soldaten aus Kempten wurden bisher nach Afghanistan entsandt. Zuletzt eben die Einheit von Michael W. mit insgesamt 29, die vor gut einem Monat wieder in die Heimat zurückkehrte. «Jetzt ist es erst einmal gut», sagt Michael W. Zwischen den Auslandseinsätzen seien Auszeiten wichtig, um wieder zur Ruhe zu kommen. Aber in nicht allzu ferner Zukunft will er an den Hindukusch zurückkehren und dort einfach tun, wozu er ausgebildet wurde. Weil er überzeugt davon ist, dass seine Arbeit Menschen hilft und einen Sinn macht.

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