Lindau
«Unsere ganze Region leidet»

Das Gebimmel hunderter Kuhglocken erfüllt die Luft. 500 Bauern demonstrieren vor dem Alten Rathaus in Lindau für ihre Zukunft. «Der Milchmarkt brennt, die Politik pennt», «Wer Bauern quält, wird nicht gewählt», «Provokation, Eskalation, Revolution», steht auf ihren Transparenten geschrieben. «Es macht mich stolz, dass so viele zu der Kundgebung gekommen sind», sagt Armin Eugler, Kreissprecher des Bundes Deutscher Milchviehhalter (BDM).

Die Lindauer Insel ist am Sonntagvormittag fest in Hand der Landwirte. Mehr als 100 Traktoren haben sie vor der Insel abgestellt. Die ist seit Samstag für alle Trecker gesperrt, um die Flucht- und Rettungswege freizuhalten, wie es offiziell heißt. Zu Fuß ziehen die Bauern durch die Fußgängerzone auf die Insel vors Alte Rathaus. Eine Stunde lang demonstrieren sie für eine Änderung der Agrarpolitik. Den meisten von ihnen steht das Wasser bis zum Hals. Die Politik habe alle Proteste der Vergangenheit und Lösungsvorschläge der Landwirte ignoriert, sagt Eugler und fordert, das «Problem an der Wurzel zu packen», sprich ein Marktgleichgewicht von Angebot und Nachfrage zu erreichen.

Die Bauern sind nach Lindau gekommen, um für ihren Berufsstand einzutreten. Doch es geht noch um viel mehr. Das wird spätestens klar, als Landrat Elmar Stegmann auf die Ladefläche des Treckers steigt, um den Landwirten «seine Solidarität zu versichern.» «Die Kommunalpolitik weiß, wie es um die Landwirtschaft bestellt ist», sagt er und meint damit seine Kollegen im Allgäu und die Bürgermeister. Durch den Preisverfall bei der Milch fehlten allein im Allgäu dreistellige Millioneneinnahmen für die Landwirtschaft. Das wiederum bekommen Handwerker, Landmaschinenhersteller und andere Betriebe zu spüren. Stegmann: «Unsere ganze Region leidet, wenn es bei dem niedrigen Milchpreis bleibt.»

Der Bauernprotest ist eine europaweite Angelegenheit. Darauf macht Simon Schill aufmerksam, 35 Jahre alter Landwirt aus St. Gallen. Zum 1. Mai ist die Schweiz aus der staatlichen Milchkontingentierung ausgestiegen. «Seitdem», sagt Schill, «herrscht bei uns der wilde Westen». Der Vater von fünf Kindern fordert einen Systemwechsel. Die Mengenregulierung gehöre in Bauernhand, sonst nirgendwohin. Er hofft auf den Streik möglichst vieler Landwirte in Deutschland. «Wenn es in Deutschland gelingt, eine Milchstreikwelle auszulösen, wird die Schweiz folgen.»

Maria Heubuch, Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft, formuliert das, wofür die 500 Bauern vor dem Alten Rathaus stehen. Sie fordern keine höheren Zuschüsse, aber Regeln für den Markt, damit Nachfrage und Angebot in Einklang kommen. «Ohne Regeln, die uns ein Auskommen ermöglicht, wird es keine bäuerliche Landwirtschaft mehr geben», sagt die Bäuerin aus Leutkirch. In der jetzigen Protestwelle sieht sie erstmals so etwas wie eine europäische Solidarität des ganzen Berufsstandes. «Uns», sagt sie, «kann man nicht mehr gegeneinander ausspielen». Sie lenkt den Blick auf die langfristige Entwicklung. Vor 30 Jahren hat Maria Heubuch als Bäuerin angefangen. Damals gab es 60 Pfennig Milchgeld, heute 24 Cent. «Das ist keine Zukunft» (Heubuch).

Weitere Proteste angekündigt

Geht es nach dem BDM, muss sich die Politik auf anhaltende Proteste einstellen. «Wir werden den Druck erhöhen und keine Ruhe mehr geben», kündigt Armin Eugler an. Kann also gut sein, dass das Geläut von Kuhglocken noch häufiger die Luft in den Städten erfüllen wird.

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