Kempten
Unglaubliche Harmonie

Es ist eine falsche Vorstellung, dass Gutes herauskommen kann, sofern nur gute Musiker zusammen spielen. Berührende Klänge benötigen mehr als eine Ansammlung virtuoser Instrumentalisten. Insofern sagt es noch gar nichts, wenn zwei Dutzend veritabler (Kammer-)Musiker eine Woche lang Stücke erarbeiten und sie dem Publikum vorstellen.

Beim Kemptener Festival «Fürstensaal Classix» allerdings scheint ein Geist zu wehen, der einen musikalischen Mehrwert zu erzeugen weiß. Das liegt einerseits an der Kompetenz, mit welcher der künstlerische Leiter Oliver Triendl und Organisator Dr. Franz Tröger die internationale Musikerschar aussuchen. Es hat aber offenbar auch mit der positiven Atmosphäre zu tun, welche die beiden Festival-Protagonisten schaffen. Tröger jedenfalls spricht von einer «unglaublichen Harmonie» und «tollen Spiellaune», die bei den - notgedrungen sehr intensiven - Proben an verschiedenen Orten in Kempten herrschen.

Wie auch immer: Das Auftaktkonzert am Mittwochabend bewies einmal mehr, dass die Fürstensaal Classix den Zuhörern (im nicht ganz ausverkauften Raum) spannungsreiche und reife Interpretationen aufzutischen vermögen. Damit knüpft der Konzertreigen erfreulicherweise dort an, wo er im vergangenen Jahr umjubelt aufhörte.

Dieses Jahr widmen sich Triendl & Co. russischer Kammermusik - wobei sie vor allem Unbekanntes präsentieren. Gleich zu Beginn etwa die Suite aus «Die Geschichte vom Soldaten», die Igor Strawinski 1919 für Klarinette, Violine und Klavier schrieb. Das sind fünf heiter-ironische, raffiniert-groteske Stücklein, die Meister Strawinski nicht nur koplex komponierte, sondern die den Zuhörern auch ein Lächeln auf die Lippen zaubern.

Todernst dagegen das anschließende «Misterioso», das die diesjährige Composer-in-residence, Elena Firsova, in Gedenken an Strawinski 1980 komponierte. Sie lässt die vier Streicher darin einen flirrenden Klangteppich weben, aus dem einzelne Melodie-Fetzen aufflammen und erlöschen, gepaart mit einem subtilen Wechsel zwischen Konsonanz und Dissonanz. Diese Liebeserklärung endet mit einem zarten Abgesang im Piano - wie so fast alles an diesem Abend leidenschaftlich und hochkonzentriert gespielt.

Verkopftes Streichquintett

Wie sieben Virtuosen ihr musikalisches Gewicht in die Waagschale werfen und auf Augenhöhe wundervolle Klänge zaubern, das war bei Michail Glinkas Septett in Es-Dur zu erleben. Russische Romantik und Melancholie pur. Da konnte das fast dreiviertelstündige Streichquintett des unbekannten Georgi Catoire (1861 - 1943) nicht mithalten - auch wenn sich die Musiker voll reinhingen.

Das viersätzige Werke wirkte verkopft und stellenweise langatmig.

Richtig reizvoll dagegen die Auswahl von Liedern Sergei Rachmaninovs. Sopranistin Mascha Deubner hatte es nicht leicht, sich gegen die schwelgerisch-kräftige Klavierbegleitung zu behaupten, schaffte es aber dank einer kräftigen Stimme, die in der Höhe zu Schärfe neigte.

Am Ende riesiger Applaus.

Nächstes Konzert am heutigen Freitag, 17. September. Ab 19 Uhr sind im Fürstensaal vier Kompositionen von Elena Firsova, ihrer Tochter Alissa sowie ihres Mannes Dmitri Smirnow zu hören. Um 20 Uhr spielen verschiedene Ensembles Werke von Anton Arenski, Nikolai Kapustin, Elena Firsova und Sergei Ljapunow.

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