Gehaltvolle Kost
Ungarische E-Musik bei Classix-Festival in Kempten

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Eines gleich vorweg: Wer meint, das Kemptener Classix-Festival tische – gemäß dem eigenen Motto 'Kammermusik mit Paprika' – leichte oder gar feurige Kost auf, der irrt. Das erste von fünf Konzerten im Stadttheater Kempten zeigte, dass sich die ungarische E-Musik so stark von der auch hierzulande beliebten, melancholisch-beschwingten Volks- und Zigeunermusik unterscheidet wie Gulasch von Gänseleber.

Traditionelles klingt in nennenswerten Portionen nur bei Zoltán Kodály mit. Bei Béla Bartók, der die ungarische Volksmusik erkundete, schimmert dagegen wenig von dem durch, was er als Forscher fand - zumindest wenn es nach seinem "Contrasts" (1938) geht.

Auch bei den anderen Komponisten, die an diesem Abend gespielt wurden (Leó Weiner, György Kurtág, László Tihanyi, Joseph Joachim, Ferenc Farkas und Jenö Takács), war wenig von einem ungarischen Volkston zu spüren. Die ungarische Klassik, vor allem die von Bartók begründete Moderne des 20. Jahrhunderts, die bei Classix heuer im Zentrum steht, ist gehaltvolle Kost. Ernst, schwer, bisweilen mysteriös und düster.

Humorvolles, Beschwingtes, Schwebendes? Wurde eher in homöopathischen Dosen gereicht. Kammermusik mit Paprika? Ja, aber an viel Fleisch, Klößen und Sahne, begleitet von erdigem Tokajer.

Auf jeden Fall ist die ungarische Musik vital und emotional. Die größten Extreme kamen an diesem Abend vom Komponistengast Tihanyi, dessen Stück aus dem Jahr 2011 den Kontrast zwischen flirrenden Soundflächen und schrofen Melodien lebt. Einen Lacher erntete Jenö Takács’ Oktett (1874/75), weil am Ende der berühmte Radetzkymarsch kurz aufleuchtet. Für Entspannung sorgte allein Joseph Joachims Romanze (1850).

Der künstlerische Leiter des Festivals, der umtriebige Pianist Oliver Triendl, hat diesmal besonders schwere Stücke aufgetan.

Diesen Eindruck gewann der diesjährige Composer-in-Residence, der 56-jährige László Tihanyi, nach den ersten Proben ebenso wie die Zuhörer. Bartók und Co. haben teils irrwitzige Läufe, Doppelgriffe und Sprünge in ihre Partituren geschrieben.

Und es spricht für Triendls Auswahl der 24-köpfigen, internationalen Musikerschar, dass dies nur an wenigen Stellen auffiel – weil irgendetwas hakte. Es sind nicht die Streicher und Holzbläser mit ganz großen Namen, die in Kempten auftreten (sie wären auch nicht bezahlbar). Aber jene, die kommen, spielen so gut wie die Berühmten. Das ist eine der Hauptessenzen für die hohe Qualität und den damit verbundenen Erfolg.

Technisch und im Ausdruck bleiben kaum Wünsche offen. Und immer wieder verblüfft es, zu welcher Homogenität die Individualisten nach den wenigen, wenngleich intensiven (öffentlichen) Proben im Stadttheater und im Allgäuer Überlandwerk finden.

Die Fangemeinde wächst

Einmal mehr sind die Zuhörer bei Classix gefordert. Dem ersten Eindruck nach müssen sie sich auf mehr 'Unerhörtes' einlassen als in den vergangenen Jahren (das britische Programm zuletzt klang jedenfalls zugänglicher). Offenbar wollen sie das: Die Fangemeinde von Classix wächst jedenfalls. Der Saal im Stadttheater war ordentlich gefüllt. Unter den Zuhörern sind immer auch Klassikfans von weither.

Die Einzigartigkeit, die der weitgereiste Composer-in-Residence, László Tihanyi, dem Kammermusikfestival attestiert, schätzen immer mehr – etwa Martin Sauer, der unter anderem für das renommierte Plattenlabel Harmonia Mundi France Aufnahmen produziert und extra aus Berlin anreiste.

Nächste Konzerte am heutigen Freitag um 20 Uhr ( (Prolog um 19 Uhr), Samstag um 20 Uhr und Sonntag um 17 Uhr. Am Samstag um 18.30 Uhr diskutiert BR-Klassik-Redakteurin Annika Täuschel mit Komponist Tihanyi.

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