Kempten
Und plötzlich ist die Krise ganz nah

Diese Geschichte beginnt in einem Fitness-Studio am Kemptener Stadtrand. Bis vor kurzem kam Marcus (35) hierher, um nach einem langen Arbeitstag abzuschalten. Doch inzwischen herrscht Wirtschaftskrise - und Marcus verlor seinen Job.

Links, rechts, links, rechts: Hoch und runter gehen die Pedale des Fitnessgeräts, während Marcus über seine frühere Arbeit spricht und darüber, wie glänzend alles vor einigen Monaten noch lief. Der ehemalige Personaldisponent gehört zu den schätzungsweise mehreren hundert Kemptenern und Oberallgäuern, deren Arbeitsplätze durch die Krise bereits vernichtet wurden. Dazu kommen fast 3500 Menschen, die in und um die Stadt kurzarbeiten.

Links, rechts, links. Im vergangenen Sommer sah die Welt anders aus. Da vermittelte Marcus für die Kemptener Niederlassung einer Zeitarbeitsfirma scharenweise Fachkräfte an Firmen. So erfolgreich, dass ihn eine Firma aus Ulm abwarb, ihm mehr Gehalt bot. «Im Dezember habe ich die Stelle angetreten», sagt Marcus.

Links, rechts, links. Im März blieb dem Personaldisponenten, der Einstellungen vorgenommen und Arbeitsverträge ausgehandelt hatte, selbst nur der Gang zum Arbeitsamt. Als die Firmen nach und nach die Leiharbeiter nach Hause schickten, wurde auch er entbehrlich.

Jobsuche in der Krise - Absolventen der Hochschule Kempten wissen, wie das ist. 60 Bewerbungen, erzählt eine 26-jährige Betriebswirtschaftlerin, habe sie seit Februar verschickt. Eine Zusage war noch nicht dabei - obwohl die junge Frau mit 1,4 im Diplom zu den Besten ihres Jahrgangs zählt.

Aufträge gehen kaum ein

Ebenfalls noch keine Stelle hat ein 25-jähriger Maschinenbau-Kommilitone. 15 Bewerbungen hat er verschickt. Viel für einen Ingenieur, der sich seine Stelle vor etwa einem halben Jahr noch hätte aussuchen können. Doch als der Student im Februar seine Diplomnote erfuhr, waren bei den Maschinenbauern bereits die Aufträge weggebrochen.

«Im ersten Quartal hatten wir 80 Prozent weniger Auftragseingänge als im Vorjahr», sagt Friedrich Hesemann, Geschäftsführer der Liebherr Verzahntechnik. Im Werk an der Kaufbeurer Straße arbeiten rund 1000 Menschen an Wälz- und Profilschleifmaschinen etwa für die Fahrzeugindustrie. Seit langem war die Produktion jedes Jahr zweistellig gewachsen - bis die Krise kam. Nun stehen die Zeichen auf Kurzarbeit, sagt Hesemann. Ab Mai werde in mehreren Betriebsteilen die Arbeitszeit heruntergefahren.

Von den einst 170 Zeitarbeitern bei Liebherr sind nur 65 übriggeblieben - Tendenz weiter fallend.

105 Firmen betroffen

Längst wurden auch andere vom Rückgang bei Liebherr mitgerissen. Etwa die Gusswerke in der Umgebung, die nun kaum mehr Aufträge aus der Kaufbeurer Straße erhalten.

Beispiele, wie es derzeit viele gibt, sagt Manfred Dorn von der Kemptener Arbeitsagentur: «Momentan zeigt sich, wie sehr die Firmen voneinander abhängig sind», sagt er. Jeder Fall ziehe weitere nach sich. Noch im Januar hatten in der Gegend 18 Firmen Kurzarbeit aus wirtschaftlichen Gründen angemeldet - nun sind es schon 105.

Aber wie sehen die Konzepte gegen diese Krise aus, die lange so abstrakt schien? Bei der IG Metall Kempten - sie vertritt gut 10000 Mitglieder - bemüht man sich um Schadensbegrenzung. «Wir versuchen die Menschen in der Kurzarbeit zu halten und wirken auf die Arbeitgeber ein, auf Entlassungen möglichst zu verzichten», sagt Bevollmächtigter Dietmar Jansen. Mehr, so räumt er ein, sei oft gar nicht mehr möglich.

Links, rechts - stopp. Am Stadtrand steigt Marcus vom Fitnessgerät. 5226 Menschen hatten im März in Kempten und dem Altlandkreis keine Arbeit. Das sind rund 880 mehr als im März 2008. «Die Krise», sagt Marcus, «ist plötzlich vielen ganz nahe gekommen.» Morgen wird er wieder ins Fitnessstudio kommen, so wie seit seiner Arbeitslosigkeit fast jeden Tag. Der Sport, meint Marcus, tue ihm gut. Er mache wenigstens den Kopf frei.

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