Missen / Weitnau
Und das Güllefass macht Lärm

«Achtung!» Leo Hiemers sonst recht sanfte Stimme schneidet durch die Luft. «Ton, Kamera?» Laufen. «Bitte!» Dies ist das Stichwort für den jungen Mann mit dem komischen grünen Hut auf dem blonden Lockenkopf. Er hat hinter der Hausecke gewartet. Nun betritt er forsch den Garten, schreitet auf den großgewachsenen Mann zu, der mit einer Heckenschere die Büsche stutzt, streckt die Hand aus. «Grüß Gott. Mein Name ist Maxi Schafroth. Man hat mich hierher geschickt. Das sei das Haus von Carl Hirnbein.»

Weiter kommt er nicht. Tonmeisterin Britta Kastern unterbricht. Hinter dem Haus fährt ein Traktor ein kurviges Sträßlein hoch. Der schnaufende Diesel drückt sich zu laut in die Aufnahme.

Regisseur Leo Hiemer kommt an diesem Vormittag nicht recht voran mit den Dreharbeiten zu seinem Dokumentarfilm über den Bauern und Politiker Carl Hirnbein, der im 19. Jahrhundert die Milchwirtschaft im Allgäu einführte. Zwar ist alles vorbereitet im Maienhof im Missener Ortsteil Unter-Wilhams (Oberallgäu), wo Hirnbein lebte. Eine Profi-Kamera ist aufgebaut, Stromkabel sind verlegt, ein Scheinwerfer brennt. Auch das Zwiegespräch, das Hiemers Protagonist Maxi Schafroth mit dem jetzigen Maienhof-Hausherrn, Hans-Ulrich von Laer, führen soll, ist abgesprochen. Doch außerhalb des Drehgeländes schert sich niemand darum. Keiner ahnt, dass die Geräusche des Alltags im Film zu Lärm werden.

Die Szene wird oft wiederholt

Eigentlich würde Hiemer, der in Kaufbeuren lebt, gerne einen Spielfilm über Hirnbeins Leben machen. Doch die Kosten für solch ein Projekt von zehn Millionen Euro übersteigen derzeit die finanziellen Kräfte (wir berichteten). Deshalb bäckt er ein kleineres Brötchen. Die 45-minütige Dokumentation für das Bayerische Fernsehen kostet «nur» rund 100 000 Euro. Eine Art Fingerübung für den geplanten Spielfilm? «Ein bisschen mehr schon», antwortet Hiemer. «Wir wollen hier eine anspruchsvolle Spieldokumentation machen.»

Deshalb müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen. «Kamera auf Anfang», sagt Hiemer, als der Traktordiesel verklungen ist. Will heißen: Die Szene wird wiederholt. Maxi Schafroth kommt wieder hinter dem Haus hervor, eilt auf van Laer zu, den Mann mit der Heckenschere. Tonmeisterin Kastern schüttelt den Kopf. «Da stört was.» Die Allgäuer im Team wissen gleich Bescheid: die Pumpe eines Güllefasses. Hiemer muss wieder ein paar Minuten Pause machen.

Für die Hirnbein-Dokumentation hat er sich den aufsteigenden Stern am Allgäuer Kabarett-Himmel geholt: Maxi Schafroth. Im Film ist der 24-Jährige aus Ottobeuren der Spurensucher. Er schlüpft - kostümiert wie bei seinen umjubelten Bühnenauftritten - in die Rolle eines jungen Allgäuers, der mehr über Hirnbein erfahren möchte.

Nicht nur den Maienhof schaut er sich an, sondern auch das Grüntenhaus, das Hirnbein baute, das Hirnbein-Museum in Missen oder den Weitnauer Friedhof, wo der «Notwender» seine letzte Ruhestätte fand.

Noch arbeitet er bei der Bank

Noch will der Banker Schafroth seinen Beruf nicht an den Nagel hängen. Nach wie vor arbeitet er bei einem Geldinstitut in München. Für die Dreharbeiten mit Hiemer und im Herbst für einen neuen Rosenmüller-Film hat er sich beurlauben lassen. «Sonst ginge das nicht», sagt er. Doch er überlege sich auszusteigen. Engagements hat er genügend.

«Achtung!» Wieder schneidet Hiemers Stimme durch die Luft. Nächster Versuch, Maxi Schafroth mit Hans-Ulrich von Laer zusammenzubringen. Auch er scheitert. Wie ein Running Gag fängt wieder das Güllefass zu brummen an. «Das geht jetzt den ganzen Vormittag so», warnt von Laer. Was tun? Hiemer trifft eine Entscheidung: Das Güllefass wird Teil des Filmsounds. Warum auch nicht? «Bschütten» gehört zum Allgäu wie Carl Hirnbein.

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