Üppig und kraftvoll

Von Christoph Pfister Sonthofen Sie haben ihn richtig hochleben lassen, den Wolfgang Amadeus, der St. Michael-Chor Sonthofen und die Orchestervereinigung Oberallgäu. Mit Pauken und Trompeten, einem vielstimmigen Jubilate, der geradezu fröhlichen und vorbildlich engagierten Aufführung von Mozarts 'Waisenhausmesse', eingeleitet durch die 'Linzer Sinfonie'. Das noch unbekümmerte Naturell des jungen Genies farbenprächtig nachgezeichnet, die Festlichkeit seiner ersten 'Missa solemnis' gelebt, der Üppigkeit und auch Dramatik des unter der Nummer 139 im Werkverzeichnis geführten Sakralwerkes kraftvoll Ausdruck verliehen.

Musikwissenschaftler haben kühn die These in den Raum gestellt, der gerade 12-Jährige habe in die c-Moll Messe die in der Oper entwickelte Dramatik übernommen. Für Chor wie Orchester offensichtlich Vorgabe, denn was tatsächlich an dramatischen Stilmitteln, vor allem im Credo steckt, wurde mächtig herausgeputzt vor der großen Hörerkulisse in St. Michael. Heinrich Liebherr, gewohnt ani-mierend wie aufmerksam vor seinen Musikern und Sängern, hätte manchmal die Begeisterung sogar ein wenig dämpfen müssen, die gewollten Kontraste durch Dynamik schärfen können. Im 'Qui tollis' beispielsweise, das an diesem Abend von aller Schuldenlast befreit schien, im 'Cruzifixus', das gar Hollywood hätte begeistern können. Gleichwohl: Mozart war jung, experimentierfreudig, sicherlich auch stürmisch. Und er hat üppig instrumentiert, gerade Pauken und Trompeten reichlich beschäftigt, den Bläsern strahlende Passagen in die Partitur geschrieben. Die nahmen es freudvoll an, gingen sicher durch konsequent zügige Tempi, sorgten für Glanz. Dass bei so viel Festlichkeit die Balance mit den nicht minder frisch agierenden Streichern, gelegentlich zugunsten von laut und kräftig ausgefallen ist, darf in der Jubelfreude hintangestellt werden.

Brigitte Neve hatte sich in den Sopran-Soli mit souveränen Höhen, doch etwas matten Tiefen gerne mitnehmen lassen, Gabi Nast Kolb den Alt-Part warm gerundet ausgestaltet, durch zu geringe Tragfähigkeit jedoch leider in den Hintergrund geraten. Bernd Neve überzeugte mit seinem lichten, geschmeidigen Erzähl-Tenor und Michael Hanel brachte Tiefe wie klar geführte Farbe in den Bass des Solistenquartetts. Der St. Michael-Chor fast immer ausgewogen, sehr präsent, plastisch, geradezu mutig.

Etwas davon hätte der Orchestervereinigung Oberallgäu zur Ouverture gut getan. Die feierlich langsame Einleitung, eine der Besonderheiten der wohl in gerade mal vier Tagen in Linz fertig gestellten Sinfonie Nr. 36, schien nicht nur für Mozart, sondern auch das En-semble ungewöhnlich. Der Übergang ins Al-legro spirituoso brachte den Klangkörper aber zügig in die richtige Spur. Gefühlvoll, melo-disch 'trotz' der reichhaltigen Besetzung das folgende Adagio und im Menuetto hätte man tatsächlich zum Tanz bitten dürfen. Mozartscher Ideenreichtum, sein bisweilen geradezu fliegender Wechsel zwischen Musikgattungen nach heutigem Verständnis, willig nachvollzogen.

Ein extra Lob den feinsinnigen, dabei frischen Holzbläsern, dem dezenten Blech. Das Finale schon fast ein Feuerwerk, ein Wirbel an Ideen und Klangfarben, perfekt inszeniert und glücklich geführt von Heinrich Liebherr. Ein wahres Festkonzert für Mozart und seine Freunde.

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