Kaufbeuren / Irsee
«Überrascht von der Ausstrahlung»

Große Staatsmänner hat das Schwäbische Tagungs- und Bildungszentrum in Irsee so manche gesehen. Einer ragt unter den politischen Schwergewichten dennoch heraus: Helmut Kohl. «Ich war damals überwältigt von seiner physischen und persönlichen Präsenz. Es war interessant zu spüren, welche Ausstrahlung dieser Mann hat», erinnert sich Dr. Rainer Jehl, ehemaliger Leiter des Bildungszentrums, an einen der bedeutendsten deutschen Politiker der Nachkriegszeit.

Am 7. Mai 1991 besuchte der damalige Bundeskanzler, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, bei einer Tagung der Spitzen von CDU und CSU die Ostallgäuer Marktgemeinde Irsee. Einen vergleichbaren Rummel hat die Ortschaft bis heute kein zweites Mal erlebt. «Der Medien- und Sicherheitsaufwand nahm an diesem Tag gigantische Ausmaße an, die wir so nicht erwartet hatten», berichtet Jehl über die Visite des Kanzlers. Wesentlicher Grund für die Aufregung um das Gipfeltreffen der Schwesterparteien war, dass in den Wochen zuvor Kritik der CSU-Führung am Regierungschef aufgekommen war.

In ihren damaligen Funktionen machten Finanzminister und CSU-Vorsitzender Theo Waigel, Bayerns Innenminister Edmund Stoiber und CSU-Generalsekretär Erwin Huber, um nur einige der damals in Irsee versammelten Spitzenleute zu nennen, Kohl unter anderem einen verpassten Generationswechsel in den Ländern, mehrere verlorene Landtagswahlen und mangelhafte Eingebundenheit der CSU in außenpolitischen Fragen der Regierung, die aus den Koalitionspartnern Union und FDP bestand, zum Vorwurf.

Großaufgebot der Polizei

Über die Krisenkonferenz im beschaulichen Irsee wollten rund 300 Journalisten von Presse, Hörfunk und Fernsehen berichten.

«Das Treffen war schon länger anberaumt, aber durch diese Zuspitzung der innenpolitischen Lage hatte es rasant an Bedeutung gewonnen», erzählt Jehl, bei dem sich auch die «massiven Sicherheitsvorkehrungen» rund um das Bildungszentrum eingeprägt hätten. Drei Hundertschaften der Bereitschaftspolizei bevölkerten das ehemalige Benediktiner-Kloster, Sprengstoff-Spürhunde waren ebenso im Einsatz wie über der Anlage kreisende Hubschrauber. Es herrschte erhöhte Alarmbereitschaft, auch weil nur wenige Wochen zuvor Treuhand-Chef Detlev Rohwedder von RAF-Terroristen ermordet worden war.

In Irsee, das jener Tage bundesweit in den Schlagzeilen auftauchte, lief damals jedoch alles friedlich ab. Auch eine Demonstration von Allgäuer Bauern, die sich laut Plakaten von der Bundesregierung «verkohlt» fühlten, sorgte vor dem Tagungszentrum nur bedingt für Aufruhr. Im Inneren der Klostermauern, die laut Jehl «wohl von einer friedenstiftenden Atmosphäre umgeben sind», legten die Parteispitzen von CDU und CSU ihre Differenzen nach mehrstündiger Debatte bei und vollzogen den abermaligen Schulterschluss.

Charismatische Erscheinung

Über allem stand der charismatische Kohl. Der bis heute als «Vater der deutschen Einheit» gefeierte Altkanzler hatte schließlich auch an jenem Tag zwischen den beiden Parteien wieder Eintracht hergestellt. «Diese Überzeugungskraft, die durch sein Auftreten entstand, hat mich überrascht, weil so etwas im Fernsehen einfach nicht rüberkommt», sagt Rainer Jehl, der die Veranstaltung als einen Höhepunkt seiner Laufbahn als Direktor des Bildungszentrums betrachtet. Jene persönliche Begegnung mit dem Bundeskanzler vor fast 19 Jahren habe ihm klargemacht, warum dieser eine derart große politische Karriere durchlaufen habe.

Nur einige Stunden seines nunmehr 80 Jahre währenden Lebens hat Kohl in Irsee verbracht. Bleibende Eindrücke hat er dabei dennoch hinterlassen.

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