Landgericht
Über 300.000 Computer gehackt? - Warum der Angeklagte (29) aus dem Ostallgäu die Vorwürfe abstreitet

Wegen massenhaften Hackens fremder Computer steht in Kempten ein 29 Jahre alter Ostallgäuer zum zweiten Mal vor dem Landgericht. Er soll mit Komplizen und über gemietete Server 327.000 Rechner mit Trojanern infiziert und Daten ausgeforscht haben, darunter Passwörter und Informationen über besuchte Internetseiten.

Außerdem steht er in Verdacht, Hintermann einer Porno-Internetseite gewesen zu sein. In erster Instanz ist er zu drei Jahren Haft verurteilt worden - doch bis heute bestreitet er die Vorwürfe. Sein Computer sei fremdgesteuert, Beweise seien ihm untergeschoben worden.

Am ersten von vier Verhandlungstagen sagt ein heute 23 Jahre alter Komplize aus Niedersachsen aus. Er schildert, wie er 2012 und 2013 Hackerprogramme geschrieben hat und wie über das Netzwerk virtuelles Geld (Bitcoins) auf eigene Konten gelenkt wurde. Der 23-Jährige ist in seinem Bundesland rechtskräftig wegen Computerbetrugs verurteilt.

Bis ein Spezialeinsatzkommando seinen Komplizen im Ostallgäu festnimmt, kennt er nicht einmal dessen echten Namen. In der Welt der Internetbekanntschaften und Chats werden Pseudonyme genutzt, Abkürzungen und Buchstabencodes. So habe alles begonnen - über eine lose Bekanntschaft während seiner Abiturzeit.

Zwischen den Männern aus dem Allgäu und aus Braunschweig entsteht über Monate hinweg eine innige Freundschaft. In den mehrere tausend Seiten starken Ermittlungsakten finden sich minuten- und wortlautgetreue Gesprächsprotokolle. Die beiden sprechen über Sternzeichen und Astrologie, übers Geld und eine Frau namens "Barbara".

An welchem Punkt sie beschließen, in fremde Rechner hunderttausender Menschen einzusteigen, sagt der 23-Jährige nicht. Minutiös erklärt er dagegen, wie er "Zeus" für diesen Zweck umgeschrieben hat, den nach Expertenansicht beliebtesten Internet-Trojaner in Hacker-Kreisen. Das Programm installiert sich später auf Rechnern - sodass dort fortan nichts mehr geheim ist. Jeder Tastenanschlag, jeder Buchstabe in E-Mails, jede Internetadresse liest Zeus mithilfe weiterer Tricks aus.

Die Daten lenken die Internetkriminellen auf Computerserver um. Der 29-Jährige soll sie gemietet haben. Er zahlt allerdings so unregelmäßig, dass die Anbieter ihn immer wieder sperren. Doch er träumt weiter vom großen Coup, drängt seinen Komplizen, zügiger zu programmieren. Schwärmt von einem Urlaub in Tschechien. Die Kurznachrichten, die der Richter vorliest, und die Telefonmitschnitte enthüllen eine jungenhafte Seite zweier schwerkrimineller Hacker. Sie schreiben sich "LOL" ("Laughing out loud", Ausdruck für lautes Lachen), kichern am Telefon, geben sich Kosenamen ("Dicker"), schicken Smileys - und dringen gleichzeitig in den hintersten Winkel fremden Privatlebens ein.

Auch der 23-Jährige ist bis heute nicht restlos von der eigenen Schuld überzeugt, zweifelt an Ermittlungsergebnissen. Der angeklagte Ostallgäuer, der 2013 außerdem 2.200 Namen und Kontodaten an eine Vertrauensperson des Bundeskriminalamts verkauft haben soll, weist alle Vorwürfe zurück. Er habe nichts getan, sagt der Mann in schwarzem Pulli und Turnschuhen. Der Prozess, bei dem sieben Zeugen und zwei Computerexperten aussagen, wird fortgesetzt. Anfang April soll das Urteil fallen.

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