Oberstaufen
«Tut weh, wenn das Vieh geht»

Inmitten grüner, wiesenbedeckter Berge steht ein hellbraunes Holzhaus. Gemütlich grasen die braunen Rinder auf der saftigen Weide. Ein Orchester aus Kuhglocken untermalt das idyllische Bild. In Wanderschuhen und grauer Bermuda steuert eine kurzhaarige Frau auf das Haus zu. Renate Fink bewirtschaftet die Unterlauchalpe in Steibis. Gemeinsam mit ihrem Mann bereitet sie sich auf den Herbst vor. Und den Viehscheid Ende nächste Woche. Dann wandert der Hirte Herbert Fink mit 250 Kühen nach Maierhöfen. 28 Kilometer lang ist der Weg und damit der längste Viehabtrieb im Westallgäu.

«Es tut schon weh, wenn das Vieh geht», gibt Renate Fink traurig zu. Der Sommer auf der Alp ist fast vorbei. Für die 43-Jährige und ihre Familie heißt es Abschied nehmen: von den Tieren, den Bergen, einem ganz besonderen Leben. Eines von zweien. «Ja, man kann schon sagen, dass wir zwei verschiedene Leben haben», sagt Renate Fink. Eines im Sommer, auf der Unterlauchalpe, und ein anderes im Winter, in Riefensberg. «Ich kann mir nicht mehr vorstellen, den ganzen Sommer daheim zu sein», meint die gelernte Hotelfachfrau. Dabei war das erste Mal auf der Alp, im Sommer 1987, sehr hart für die vierfache Mutter. «Wenn ich nicht mit meinem Mann verheiratet gewesen wäre, ich weiß nicht, ob ich geblieben wäre.

» Sie ist aber geblieben und heute sehr zufrieden: «Die Hütte ist schön, gell? Was will man mehr» Und irgendwie hat sie recht.

Es ist halb eins. Aus der Küche riecht es nach frischem Leberkäse. Eine fünfköpfige Familie genießt im Garten vor dem Haus eine deftige Mahlzeit. Auch Herbert Fink kommt mit seinem Sohn Michael (12) zur Mittagspause. Seit 30 Jahren verbringt er den Sommer als Hirte in den Bergen. Jeden Tag zählt er die Tiere, kontrolliert Zähne und Gesundheit. Er kümmert sich um Zäune und Pfähle, um Holz und Unkraut. «Ich wollte schon immer mit Natur und Viech schaffen», erzählt der 47-Jährige. Hat er hier seinen Traumberuf gefunden? «Ja», antwortet Fink überzeugt. Unter seinem fülligen, grauen Bart kann man ein zufriedenes Grinsen entdecken. «Etwas schöneres als hier oben gibt es gar nicht», sagt er mit strahlenden Augen.

Der Hirte lernt die Rinder im Laufe des Sommers gut kennen. Am Klang der Schellen erkennt er jedes einzelne Tier. «Für uns gehen die Tiere immer vor», berichtet Renate Fink. Wenn ihr Mann Hilfe bei den Rindern braucht, hängt an der Tür der Wirtschaft gelegentlich der Zettel: «Bin beim Vieh.» Wenn die Wanderer sich etwas gedulden, können sie aber bald wieder vom selbstgebackenen Kuchen der Wirtin kosten.

Die Wehmut über das nahende Sommerende merkt man dem Ehepaar Fink an. Gibt es etwas im Tal, auf das sie sich besonders freut? Renate Fink muss lange überlegen. Sehr lange. Doch dann denkt sie an den nahenden Frost: «Ich freue mich auf den Kachelofen daheim. Wenn es kalt wird, ist es hier oben richtig ungemütlich.»

Noch ist es nicht kalt und die Finks genießen die letzten Wochen auf der Alp. Und die Ruhe. «Manchmal setzen wir uns abends raus und schauen uns nur den Sternenhimmel an. Das macht man daheim nicht», erzählt die Wirtin.

Nach dem Viehscheid bleibt der Hirte mit Frau und Sohn noch bis Mitte Oktober auf der Alp. Mit ihnen bleiben die eigenen Schumpen. Die anderen, die nächste Woche zu ihren Bauern zurückkehren, werden in den kommenden Tagen vorbereitet. Drei Kranzrinder wird es heuer geben. Sie werden mit einem bunten Blumenkranz geschmückt, für den Renate Fink bereits Pflanzen sammelt. Von den vier Herden haben also drei den Sommer unbeschadet überstanden. Ein Rind ist abgestürzt. Die Auszeichnung für das schönste Kranzrind streben die Finks aber nicht an. «Mir ist es wichtig, dass die Bauern zufrieden sind», so Renate Fink.

Mitte Mai im nächsten Jahr geht es für die Familie wieder auf die in 996 Metern Höhe gelegene Unterlauchalpe. In das Holzhaus inmitten grüner Wiesen.

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