Kempten
Tote erzählen die Geschichte der Stadt

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Da liegt sie also, die Vergangenheit. Das Erbe der Stadt auf einem dünnen Sieb im Wasser. Mit einer Zahnbürste entfernt Studentin Elke Weinhardt den Staub der Jahrhunderte. Wäscht den Schmutz von dem, was auf den ersten Blick unscheinbar wirkt und doch so viel erzählen kann über die Geschichte der ältesten Stadt Deutschlands: die Gebeine vom einstigen Mittelalterfriedhof am St.-Mang-Platz.

Am Waschtisch und auf der Werkbank der Stadtarchäologie werden derzeit die 50 Skelettfunde vorbereitet, die - einsehbar vom neuen archäologischen Schauraum aus - im Chor der Michaelskapelle wiederbestattet werden sollen. Elke Weinhardt ist die Frau, zu der die Toten sprechen. Anhand der Beckenknochen stellt sie fest, ob sie die Überreste von einem Mann oder einer Frau vor sich hat. Wie alt die Menschen bei ihrem Tod waren, findet sie mithilfe der «Wachstumsfugen» heraus, die sich während des Älterwerdens schließen. Und dass die Kemptener des Mittelalters ordentlich Zahnstein hatten, ist ebenfalls ablesbar: Dunkel heben sich die Verfärbungen noch Jahrhunderte später von den Zähnen ab.

Viele Monate hat sich die Studentin mit den Skeletten vom St.-Mang-Platz beschäftigt, vor drei Wochen hat sie ihre Diplomarbeit dazu abgegeben. Besonders fasziniert hat sie das «Massengrab», das die Ausgräber vor rund einem Jahr neben den Ruinen entdeckt hatten (wir berichteten).

Vielleicht war es eine Epidemie, die Menschen in diesem so ungewöhnlichen Grab dahingerafft hatte. Neun der 15 Toten waren eventuell verwandt, die meisten von ihnen zwischen acht und 14 Jahren alt. Nur zwei Erwachsene zwischen 40 und 60 Jahren wurden ebenfalls dort bestattet.

Auffällig: Nicht alle Toten wurden - wie zu ihren Lebzeiten im 13. bis 15. Jahrhundert üblich - mit dem Kopf nach Westen bestattet. Die Skelette wurden übereinander gefunden, teils bäuchlings oder mit dem Gesicht zueinander.

Ein Fehler des Bestatters, vermutet Sikko Neupert, der eine Doktorarbeit über den mittelalterlichen Friedhof schreibt und eine Ausstellung in der St.-Mang-Kirche vorbereitet. Die Toten seien damals in Leichentücher gewickelt worden. «Möglicherweise konnte man bei der Beisetzung nicht mehr erkennen, wo oben und unten war.»

Ein viel bedeutenderes Geheimnis hat ein anderes Skelett preisgegeben. Die Radiokohlenstoff-Datierung ergab, dass der Tote im siebten Jahrhundert gelebt hatte. Womit der Friedhof viel älter sein muss als bislang gedacht. Speziell aus dieser Zeit ist wenig bekannt. Im dritten und vierten Jahrhundert hatten die Alemannen das antike Kempten bis auf die Grundmauern zerstört. 752 wurde auf den Ruinen ein Kloster gegründet. Nun ist klar: Schon vorher muss es ein Gotteshaus mit Friedhof gegeben haben.

700 Gräber wurden gefunden. Etwa 200 Skelette, deren Knochen nicht mehr klar zugeordnet werden können, sollen auf einem Friedhof bestattet werden. Über weitere 400 muss laut Stadtarchäologe Dr. Gerhard Weber noch entschieden werden. Dazu kommen jene 50, an die eine Inschrift mit Datum erinnern soll.

18. September 2010 - der Tag, an dem die Toten vom St.-Mang-Platz an ihre Ruhestätte zurückkehren.

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