Premiere
Temporeiche Arztsatire

Dass Schwiegersöhne im Idealfall Ärzte sein sollten oder dass «viele an ihren Arzneien und nicht an ihren Krankheiten sterben» - daran hat sich seit Molières Zeiten nichts geändert. Geändert hat sich, dass man inzwischen die Seele erforscht hat und Hypochondrie als Krankheit gilt. So ist «Der eingebildete Kranke» von Molière (1622 - 1673) einerseits als Arztsatire aktuell, andererseits eine überholte Geschichte. Die Komödie im Bayerischen Hof München präsentierte sie bei der Premiere im Kemptener Theater jedoch als temporeiche Mischung aus Typen- und Charakterkomödie mit der Spielwut eines furiosen Hauptdarstellers und poetischen Zwischenspielen in Form eines Karnevals und eines pantomimischen Totentanzes. So startet die «Wanderbühne» ganz in der Tradition Molières von Kempten aus mit einer gelungenen Produktion ihre Tournee. <%img scl_width='480' scl_height='600' align='right' id='534490'%>

Wunderbare Situationen

Es ist eine Inszenierung unter Federführung von Nikolaus Paryla mit Reminiszenzen an das Stegreifspiel der Commedia dellarte und barocken Versatzstücken im Bühnenbild und bei den Kostümen. Hier wird gespielt, was die Textsicherheit hergibt und was das Bühnenbild (Thomas Pekny) mitmacht. Während das Vorhang-Versteckpiel und Tür-auf-Tür-zu recht operettenhaft geraten, entstehen auch wunderbare Theatersituationen. Da knetet Argans Arzt, Monsieur Purgon (Wolfgang Grindemann), hingebungsvoll verzweifelt die Bettdecken seines Patienten, während er über dessen Gedärme spricht. Da zählen die beiden anderen für die Arztsatire verantwortlichen Doctores (René Oltmanns als Thomas Diafoirus und Wolfgang Grindemann als Dr. Diafoirus) im Duett den Puls von Argan - nach der Pause sind sie bei 2635. <%tbr scl_width='600' scl_height='15' title='Trenner' from='inject'%>

Doch Dreh- und Angelpunkt ist Nikolaus Paryla, für den der Argan eine Paraderolle ist und dem das lachbereite Publikum schon als der Vorhang sich hebt Vorschusslorbeeren schenkt. Mit weiß geschminktem Gesicht, roten Harlekin-Pantoffeln zu einem weißen Schlafanzug, dessen Halskrause den Clown und die gebückte Haltung und große Geste den Pantalone der Commedia zitiert, wirkt er in seinem Himmelbett, umgeben von seinen Flaschen und Gläsern mit Tinkturen und Pillen, abwechselnd anrührend wie Spitzwegs armer Poet und bemitleidenswert wie der tatsächlich arme Karl Valentin.

Klistier wichtiger als Eheglück

<%tbr scl_width='600' scl_height='15' title='Trenner' from='inject'%>

Ihm ist das tägliche Klistier wichtiger als das Eheglück seiner Tochter. Parylas reiche gestische und mimische Mittel und clowneske Einfälle verpuffen manchmal durch fahriges Händefuchteln und nervöses Umherrennen und manch Situation zerfällt, da sie ein pointiertes Spiel und Sprechen benötigt hätte.

Undine Brixner als Toinette fliegen als guter Seele des Stückes die Sympathien zu. Bei ihr kommt alles wieder zusammen, was im Eifer des Gefechts aus dem Ruder zu laufen droht. Wobei nicht so ganz klar wird, ob Toinette sich um Argan sorgt oder ob Brixner Paryla wieder in die Spur bringt.

<%tbr scl_width='600' scl_height='15' title='Trenner' from='inject'%>

Das von der Regie wunderbar gleichberechtigt behandelte Ensemble spielt mit erstaunlicher Sicherheit um einen Hauptdarsteller, der nicht immer das richtige Stichwort liefert. Die vielen Textlücken sieht das Publikum dem gleichzeitig Regie führenden Paryla mit einem kräftigen Schlussapplaus nach.

 

Um ihn dreht sich alles: Nikolaus Paryla als Argan, der eingebildete Kranke. Foto: Hermann Ernst

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen