Irsee
Taktstock und Dessertlöffel

Es soll ja Künstler gegeben haben, die sich so in ihr Werk vertieften, dass sie dabei Essen und Trinken vergaßen. Vom Komponisten Joseph Haydn ist solche künstlerisch bedingte Askese nicht überliefert und auch seine Fans, die sich am Wochenende wieder beim Festival Klang&Raum in Irsee trafen, machen nicht den Eindruck, auch anderen Genüssen, als den musikalischen abgeneigt zu sein.

«Vivat Haydn!» heißt es am Samstag den ganzen Tag über im ehemaligen Benediktinerkloster und schon vormittags schlendert ein buntes Völkchen durch die Pforte in die Festival-Welt. Dort können sich die aus ganz Deutschland, dem benachbarten Ausland und gar aus Übersee angereisten Klassik-Freunde dem Komponisten erst einmal wissenschaftlich annähern. Über «Haydn und die Frauen» referieren namhafte Experten und schnell wird deutlich, dass der «Spaßvogel» der klassischen Musik auch in dieser Beziehung kein Kostverächter war.

Apropos Kost. Das Mittagessen nach dem Symposion kann man angesichts der weiteren Punkte im Programmheft getrost zum Imbiss schrumpfen lassen.

Denn bereits am frühen Nachmittag ist wieder die volle Aufmerksamkeit der Haydn-Anhänger gefragt: Im Festsaal bringt das Marcolini-Trio aus Köln berühmte Streichquartette des Meisters mit fast übergroßer Perfektion zu Gehör. Nach dem musikalischen Genuss folgt einen Stock tiefer dann der erste (organisierte) Gaumenschmaus des Tages. Beim improvisierten Wiener Kaffeehaus muss sich der Musik- und Genussfreund zwischen Sacher- und Prinzregententorte zwischen Wiener Melange und Zweispänner entscheiden.

Gestenreiche Begrüßungen und wortreiche Diskussionen über das Gehörte gehören zu Klang&Raum einfach dazu. Doch deren Intensität nimmt vor dem ersten abendlichen Konzert des Festivals in der Klosterkirche noch deutlich zu.

Aber dann betritt der musikalische Leiter Bruno Weil den Altarraum, das Geplapper verstummt abrupt und gespannt verfolgen alle die launigen Ausführungen des Dirigenten zu Haydns Sinfonie Nr. 97. Wenig später tauscht er das Mikrofon mit dem Taktstock gibt zusammen mit dem Tafelmusik Orchestra, dem Tölzer Knabenchor und der aus Ebenhofen stammenden Sopranistin Sigrid Plundrich ein furioses Konzert mit Haydn-Spezialitäten. Die Kírchenportale öffnen sich, viele Besucher eilen durch den Regen zu ihren Autos, andere ins Restaurant im Klostergebäude. Ein Vier-Gänge-Menü, wie es Haydns langjähriger Dienstherr, Nikolaus I. Fürst Esterházy auch hätte genießen können, wird dort serviert.

Nebenbei drehen sich die Gespräche natürlich um Haydn, aber auch um die Bayreuther Festspiele, die Tage der Alten Musik in Innsbruck oder die Frage, warum das Wetter beim Irseer Festival immer so durchwachsen ist - ganz im Gegensatz zum eben kredenzten Jungrindfilet im Gemüsemantel. Als ein älterer Herr, der seit vielen Jahren aus der Schweiz zu Klang&Raum kommt, mit dem Dessertlöffel das letzte Stück geeiste Tokajer Sabayon genießt, meint er mehr anerkennend als fragend: «Kunst und gutes Essen gehören einfach zusammen, oder?» Wer möchte ihm nach einem solchen Tag in Irsee widersprechen?

» Mehr zu den Konzerten bei Klang&Raum lesen Sie auf der Seite «Kultur».

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