Asyl
Syrische Flüchtlinge im ehemaligen Klecks in Kempten - eine Notlösung

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Die ersten Tage haben sie auf dem Boden geschlafen, nur auf Decken, sagt Abdulhadi. Währenddessen tragen seine Mitbewohner einen Lattenrost nach dem anderen herein und Matratzen. Die Männer sind alle aus Syrien, 14 insgesamt, die meisten sind Anfang 20, vor Krieg, Verfolgung und Elend sind sie geflohen.

Nun wohnen sie in der Kemptener Innenstadt, der ehemalige Festsaal im 'Klecks' ist ihr Schlafzimmer. Seit gestern haben sie Betten in ihrer Notunterkunft. Weiterhin nämlich sucht die Stadt so händeringend nach Zimmern, dass nun sogar ein Wirtshaus zur Herberge für Flüchtlinge wird. In der vorgesehenen Dauerunterkunft im ehemaligen Straßenbauamt tut sich offenbar nichts.

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'Jeder hier hat seine Geschichte', sagt Abdulhadi. Ein halbes Jahr auf der Flucht, der eine. Der andere über zwei Jahre. Sie sind in Frankfurt angekommen oder in Regensburg, in Kempten haben sie sich getroffen. Legal ist keiner da. Legal kommt man kaum rein. Oder nur schwierig. Abdulhadi hat es versucht. Er ist 24, hat daheim studiert, IT-Ingenieur sei er. Seit Kriegsbeginn gebe es in Syrien nur noch zwei Arten junger Männer, sagt er: Die Studenten und die Typen mit den Waffen.

Abdulhadi will weiterstudieren und arbeiten. Ohne Angst. Ohne Krieg. Vor der Flucht habe er sich an den Deutschen Akademiker-Austauschdienst gewandt. 8000 Euro müsse man zahlen, um als syrischer Akademiker fürs Masterstudium in Deutschland eine Genehmigung zu bekommen. Zu kompliziert, zu teuer, die Hürden zu hoch. Am Ende habe er sich für den illegalen Weg entschieden. Also für die Schleuser. 5000 Euro auf die Hand für die Fahrt in Richtung Hoffnung.

Der neue Schlafplatz im Klecks? Trotz aller Behelfsmäßigkeit 'sehr gut', sagt der 24-Jährige. Und es gebe 'viele gute Menschen', die helfen wollen. Zum Beispiel mit der Sprache. Oder mit Kleidung und beim Einkaufen. Ob sie bleiben können wissen die Männer noch nicht, Ende April und im Mai müssen sie zur Anhörung.

Ungefähr 420 Flüchtlinge leben derzeit in Kempten, vielleicht auch 425, wer weiß das schon genau. Seitdem die Behörden nicht mehr hinterher kommen bei den Asylanträgen, die Auffangunterkünfte völlig überfüllt sind, ist es ein ständiges Kommen und Gehen. Gerade erst sind einige Jugendliche dazugekommen, sagt Sozialreferent Benedikt Mayer, eine Familie hat das Land vor der Abschiebung verlassen.

Was ist mit dem Amtsgebäude?

Was nichts daran ändert, dass die vorhandenen Dauer-Unterkünfte aus allen Nähten platzen. Das Haus im Rübezahlweg: voll. Die alte Schule in Sankt Mang: schon kurz nach dem Start vor ein paar Wochen komplett belegt. In der Kaufbeurer Straße ist noch etwas Luft bei den Wohnungen. Dort werden vor allem Familien aus Afrika einquartiert. Auch das gehört zu den Herausforderungen: Die Stadt achtet darauf, wer wo unterkommt, um ethnische Konflikte und Spannungen zu verhindern. Nicht immer mit Erfolg: Erst vorgestern flogen bei einem Streit im Rübezahlweg Flaschen. Drei Männer wurden verletzt.

Der 'Großschlafsaal' im 'Klecks' sei für Familien zum Beispiel ungeeignet, sagt Mayer. Bewusst seien dort nur syrische Kriegsflüchtlinge untergebracht. In der Maler-Lochbihler-Straße tut sich dagegen weiter nichts. Die Regierung von Schwaben habe trotz Genehmigung immer noch nicht mit dem Umbau angefangen. Erst danach können dort 120 Flüchtlinge unterkommen. Die Regierung soll sanitäre Anlagen einbauen, forderte der Bauausschuss vor Monaten.

Warum ist das Haus noch nicht bezugsfertig? Wann können dort Flüchtlinge einziehen? Kurzfristige Antworten waren bei der Regierung von Schwaben gestern nicht zu erhalten. Die Lage bleibt also angespannt, bei jedem Ankömmling geht die Suche von vorne los. 'Wohnungen zum Anmieten', wären deshalb der dringendste Wunsch von Sozialreferent Mayer.

Zurück an den Hofgarten. Noch eine Matratze, ein Lattenrost. Die Männer stecken die Bettgestänge zusammen. Draußen steht der Lieferwagen an der Stelle, wo früher der Biergarten war. Wissen die Männer, dass sie in einem Wirtshaus wohnen? Abdulhadi lacht. 'Für euch ist das bestimmt seltsam', sagt er dann. Er sei einfach nur froh.

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