Ägypten
Student Sven Klingl wieder in Memmingen - «Eigentlich wäre ich lieber in Kairo»

Er ist noch nicht abgereist. Aber auch noch nicht angekommen. Zumindest in Gedanken. Es ist ein eigenartiger Schwebezustand, in dem sich Sven Klingl im Moment befindet. Noch vor Kurzem stand der 22-jährige Memminger inmitten von zigtausenden ägyptischen Demonstranten auf dem Tahrir-Platz. Dort, wo die Coca-Cola-Werbeschilder abmontiert wurden, mitten in der lärmenden Metropole Kairo. Mitten im beißenden Tränengasnebel. Dort, wo nachts Schüsse fielen.

Und nun sitzt er hier in Memmingen. Wie aus einem Traum erwacht. Oder doch noch mitten drin. Kein Krach. Nur Sonne. Und ein paar Vögelchen, die draußen lustig zwitschern. Sven Klingl ist nicht nach lachen zumute. Denn der Politikstudent musste am Freitag seine Wohnung in der ägyptischen Hauptstadt und anschließend das Land verlassen.

Nachdem er eine Nacht auf dem Flughafen Kairo verbracht und dabei unter anderem beobachtet hatte, dass McDonalds und Burger King ihre Filialen geschlossen hatten, flog er am Samstag in einer Maschine der Egypt Air nach Frankfurt am Main. Von dort aus gings weiter mit dem Zug in die Heimatstadt.

Nun sitzt er hier in Memmingen. Macht eine lange Pause bei der Frage, ob er sich darüber freue. Und sagt dann, nachdem er in Gedanken weit weg war, zu seinem Gegenüber: «Eigentlich wäre ich jetzt lieber in Kairo.»

«Krasse soziale Missstände»

Noch immer wühlt ihn all das auf, was er mit eigenen Augen gesehen hat: die Armut vieler Menschen in Ägypten, «die krassen sozialen Missstände. So konnte es nicht weitergehen», sagt der Student der Politikwissenschaft, der die Unruhen zunächst mit anderen Studenten vom Dach eines Hochhauses aus beobachtete.

Aber sie wollten näher ran. Mitten rein. Auf den Tahrir-Platz. «Dort hat sich alles konzentriert. An vielen anderen Stellen in der Stadt war es dagegen so ruhig und sauber wie sonst nie», erzählt der Augenzeuge aus Memmingen über die Demonstrationen. «Ich habe mich wahnsinnig gefreut, als mich dabei ein Einheimischer in den Arm genommen und zu mir gesagt hat: Du bist jetzt auch ein Ägypter, weil Du uns unterstützt», berichtet der ehemalige Schüler des Vöhlin-Gymnasiums.

Doch wer war Freund, wer Feind? Klingl weiß nicht, ob er und seine beiden Mitbewohner von Nachbarn angeschwärzt und ans Messer geliefert werden sollten, oder ob diese die bedrohlichen, aber höflichen Soldaten in der Nacht auf Freitag holten, um sie zu beschützen. Bedroht oder beschützt? Das war auch beim Verhör nicht klar.

«Die haben uns zwar Süßigkeiten und Zigaretten angeboten, gleichzeitig aber mit ihren Waffen rumgespielt», schildert Klingl die Angst einflößende Ausnahmesituation im fremden Land. Danach musste er abreisen. Aber richtig angekommen - das ist Sven Klingl noch nicht.

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