Ägypten
Student aus Memmingen wird verhört und aufgefordert, Ägypten zu verlassen

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«Soldaten haben meinen Sohn Sven in der Nacht auf Freitag aus seiner Wohnung im Kairoer Stadtteil Dokki geholt und ihn anschließend verhört.» Renate Klingl wirkte sehr ruhig und gefasst, als sie gestern der Memminger Zeitung berichtete, was ihrem 22-jährigen Sohn in den vergangenen Tagen in der ägyptischen Hauptstadt widerfahren ist.

Am Freitagmorgen brachten ägyptische Sicherheitskräfte den 22-jährigen Studenten aus Memmingen zusammen mit Kommilitonen aus Deutschland zum Kairoer Flughafen und forderten jene unmissverständlich dazu auf, das Land zu verlassen.

Sven Klingl war gestern im Laufe des Tages telefonisch und per E-Mail nicht zu erreichen. Seine Mutter Renate hatte am frühen Freitagmorgen noch kurzen Kontakt mit ihm: «Da hat er mir gesagt, dass es ihm gut gehe, er aber eventuell bis Sonntag auf dem Flughafen ausharren müsse, bis er einen Flug nach München bekomme.»

Sven Klingl studiert im fünften Semester Politikwissenschaft und evangelische Theologie. Im Oktober zog er von seinem Studienort Regensburg nach Kairo, um an der dortigen Universität ein Auslandssemester zu verbringen.

Damals ahnte der 22-Jährige noch nicht, dass er in der nordafrikanischen Metropole nicht nur politische Theorie studieren, sondern Weltpolitik hautnah erleben würde. «Schon als er von den Vorgängen in Tunesien erfuhr, sagte er mir am Telefon: Hoffentlich machen die Ägypter auch noch was», erzählte Renate Klingl.

Als nun auch am Nil die Aufstände ausbrachen, hätten sich ihr Mann und sie schon große Sorgen um ihren Sohn gemacht, so Klingl, «vor allem, als er uns von den Schießereien und den Toten berichtete».

Weil er jedoch vollstes Verständnis für die Anliegen der aufbegehrenden Bevölkerung habe, wollte Sven Klingl Ägypten unter keinen Umständen verlassen.

«Er sagte mir, er wolle sich solidarisch zeigen und darauf hinweisen, dass es auch Deutsche gibt, die Staatschef Mubarak kritisch sehen und ihn nicht unterstützen», erklärte Renate Klingl.

Keine Angst gehabt

Dass «die Ägypter» Jagd auf alle Menschen machten, die nach westlicher Welt aussehen, könne ihr Sohn keinesfalls bestätigen, machte Renate Klingl gegenüber der MZ deutlich. «Er berichtete mir in den vergangenen Tagen sogar mehrfach, wie er sich mit ägyptischen Demonstranten am Lagerfeuer getroffen und sich mit jenen über die aktuellen Entwicklungen ausgetauscht habe.» Das habe recht gut funktioniert, da er schon seit einiger Zeit Arabisch lerne. Ihr Sohn habe in Ägypten nie Angst gehabt und sich auch nicht bedroht gefühlt - bis Donnerstagnacht, als plötzlich Militärangehörige bei ihm klopften.

Renate Klingl wollte ihren Sohn eigentlich übernächste Woche in Kairo besuchen. Doch jetzt ist alles anders: Das größte Glück ist für sie nun, wenn sie am Wochenende auf dem Münchner Flughafen ihren einzigen Sohn wohlbehalten in die Arme schließen kann.

 

Sven Klingl

 

Ägypten im Umbruch: Menschenmassen haben auch gestern wieder in der Hauptstadt Kairo Staatschef Hosni Mubarak zum Rücktritt aufgefordert. Ein Student aus Memmingen war in den vorangegangenen Tagen hautnah dabei. Foto: ap

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