Drogen
Straffällig nach schwerem Trauma

Dass ein 40-jähriger Angeklagter im Februar 2010 in Kaufbeuren einem Drogensüchtigen drei Tabletten eines verschreibungspflichtigen, starken Beruhigungsmittels überlassen und sich deshalb der unerlaubten Abgabe von Arzneimitteln schuldig gemacht hatte, stand vor dem Amtsgericht außer Zweifel.

Deutlich schwieriger als der Schuldnachweis war die Frage der Ahndung: Der Angeklagte war zwar mehrfach vorbestraft und stand zur Tatzeit unter offener Bewährung. Vor Gericht wurde aber auch deutlich, dass seine Straffälligkeit ihren Ursprung in einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte hat: Der Tunesier, der die vergangenen Jahre in Kaufbeuren gewohnt hat, ist nach Kriegserlebnissen bei der Fremdenlegion schwer traumatisiert und infolge der psychischen Probleme drogen- und medikamentenabhängig.

Nachdem auch sein Bewährungshelfer bestätigt hatte, mit welchem Engagement der Mann um die Rückkehr in ein normales Leben kämpft, waren sich die Verfahrensbeteiligten einig, dass es im vorliegenden Fall keiner Freiheitsstrafe bedurfte. Das Urteil lautete schließlich auf 60 Tagessätze zu je zehn Euro. Der Sohn einer angesehenen arabisch-französischen Familie war im Alter von 20 Jahren zur Fremdenlegion gegangen. In den folgenden Jahren wurde er bei Kampfeinsätzen dreimal verwundet, musste den Tod von engen Freunden miterleben und geriet schließlich in Afghanistan bei den Taliban in Gefangenschaft.

Diese Erlebnisse führten zu einer posttraumatischen Belastungsstörung mit Depressionen und schweren Schlafstörungen, die ihn auch nach seiner Desertion von der Fremdenlegion quälten und zum Scheitern von zwei Ehen und schließlich zu einem Abrutschen in Sucht und Straffälligkeit führten.

Im aktuellen Fall hatte der Angeklagte einem Drogenabhängigen - offenbar aus Mitleid - drei Tabletten eines Beruhigungsmittels gegeben, das ihm sein Arzt verschrieben hatte. Sein Bewährungshelfer setzte sich jetzt trotz dieses Rückfalls für ihn ein: Der Angeklagte habe sich im vergangenen Jahr intensiv um eine Therapie bemüht, in der auch seine traumatischen Erlebnisse aufgearbeitet werden sollen, und sich von Schwierigkeiten nicht entmutigen lassen. Wörtlich sagte der Bewährungshelfer: «Ich habe selten einen Probanden gehabt, der so permanent am Ball geblieben ist.

» Seit November ist der Angeklagte nun in stationärer Therapie. Er schilderte deutliche Behandlungserfolge und betonte, er sei «ein anderer Mensch geworden». Der Richter wünschte dem Mann, der sich für das Urteil bedankte, für die Zukunft alles Gute, machte ihm aber auch deutlich, dass er ihn «hier nicht mehr wiedersehen» wolle.

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