Soll ich mich mit einem Sack umhüllen?

Leutkirch | rs | Das Leben ist ungerecht. Da gießt eine aufrechte Frau den allgemeinen Unmut der CSU gegen den zaudernden Ministerpräsidenten Edmund Stoiber in Worte und wird dafür mit 'Hosianna' gefeiert. Als der bajuwarische Löwe stürzt, wird aus dem Hosianna ein 'kreuziget sie'. Diese Woche war Gabriele Pauli zum zweiten Mal beim 'Talk im Bock' in Leutkirch. Beim ersten Mal 2007 war der Andrang so groß, dass der Saal der Festhalle vorzeitig geschlossen werden musste. Davon war nun keine Rede mehr.

Pauli, inzwischen publicity-gestählt, lächelt und nimmt bei Martin Luther ('Hier stehe ich und kann nicht anders') Zuflucht: 'Ich kann nur zu meiner Überzeugung stehen.' Zu dieser Überzeugung gehört auch, dass man sie prinzipiell wenn schon nicht herabgewürdigt, so doch auf Äußerlichkeiten reduziert hat. Deshalb geißelt sie einen RTL-TV-Beitrag aus den heißen Zeiten mit den Worten: 'Die haben nur meine Beine gefilmt.' Dabei schlägt sie ihre überaus ansehnlichen Beine übereinander und bekennt sich zum Angela-Merkel-Kontrastprogramm:

'Soll ich mich mit einem grauen Sack umhüllen?' Bewahre! Sack und Asche sind ihr Ding nicht. Dass es nach Stoibers Demission auch mit Gabriele Pauli ziemlich steil bergab ging, blendet sie aus. Geschnitten in der Partei, ausgerutscht auf dem glatten Parkett der Medien, mit dem Vorschlag der Sieben-Jahres-Ehe in den Kampf um den CSU-Vorsitz gegangen, erntet sie am 29. September vergangenen Jahres 24 von 959 Stimmen, eine schallende Ohrfeige. 'Ich habe gemerkt, dass mein Anliegen mehr verstanden worden ist, als es diese 24 Stimmen wiedergeben', sagt sie. Man könnte Standhaftigkeit dazu sagen. Realitätsverlust aber auch.

Ende März endet ihr Amt als Landrätin, aus der CSU ist sie schon am 21. November 2007 ausgetreten. Dass sie diese Nachricht für viel Geld exklusiv an ein Hochglanzmagazin verkaufte, brachte ihr ebensowenig Freunde ein wie ihre Fotos mit schwarzen Latex-Handschuhen. Frau Pauli klimpert mit den Wimpern: 'Ich würde nie was machen, nur um in den Medien zu sein.' Sondern nur um ihr Anliegen mitzuteilen. Soziale Kälte drückt Pauli auf die Seele, Kinderarmut, Hartz IV - der ganze Herz-Jesus-Sozialismus als politisches Programm. 'Was ist die oberste Tugend des Politikers?' lautet am Schluss eine Frage aus dem Publikum im vollbesetzten Mensa-Saal. 'Ehrlichkeit!' Frenetischer Beifall. Wieder jemand, der auf der Klaviatur des Populismus mit Oscar Lafontaine vierhändig spielen könnte. Der Applaus ist groß. Doch im Gegensatz zum Mega-Event 2007, als sieben Fernsehstationen da waren und Gabriele Pauli ein Medienstar, ist sie jetzt bloß noch ein verglimmender Politkomet. Das Publikum wird immer kleiner werden. Die Aufmerksamkeit geringer. Vielleicht ist das Leben ja doch gerecht.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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