Kempten
«Solange das Hirn wächst, ist Alkohol besonders schädlich»

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Wie bekommt man das Problem Komasaufen in den Griff? Darüber zerbrechen sich viele Leute seit Langem den Kopf. Für parlamentarischen Staatssekretär und Bundestagsabgeordneten Dr.Gerd Müller wäre eine Lösung, dass die Jugendlichen oder ihre Eltern dafür aufkommen, wenn der Alkoholexzess im Krankenhaus endet. Rund 1400 Euro - 1000 für die Behandlung und 400 für den Rettungsdienst - kostet so etwas. «Und wenn es weh tut, kümmert man sich», sagte Müller bei einem Fachgespräch (AZ berichtete).

Für Dr. Oliver Götz, Oberarzt der Kinderstation am Klinikum, käme eine solche Lösung nicht infrage. Die Gefahr wäre ihm zu groß, dass Jugendliche, die medizinischer Versorgung bedürfen, dann nicht mehr in die Klinik gebracht würden. Zwischen 40 und 70 sind es laut Götz jährlich, die mit Alkoholvergiftung im Klinikum landen. Darüber, wie viele Jugendliche nicht ins Krankenhaus, sondern nach Hause ins Bett gebracht werden, möchte er lieber nicht spekulieren.

«Alkohol ist ein Nervengift, das auf alle Organsysteme Einfluss hat», verdeutlicht Götz. Es komme zu Bewusstseinsstörungen und zum Kontrollverlust. Problematisch könne es werden, wenn Atemstörungen hinzukommen. «Es besteht die Gefahr, dass Betrunkene ihr Erbrochenes einatmen. Das kann tödliche Folgen haben», betont der Mediziner.

Auf der Intensivstation würden Atmung und Herzkreislaufsystem überwacht, Blut abgenommen und eventuelle Verletzungen behandelt. Das ist auch bei erwachsenen Komasäufern nicht anders. Doch bei Jugendlichen, sagt Götz, gebe es noch ein Problem: «Die Nerven im Gehirn wachsen bis ins späte Jugendalter.» Wenn dieses sensible System geschädigt werde, könne das schlimme Folgen haben.

Doch warum saufen Jugendliche sich ins Koma? «Viele testen sich aus und überschreiten ihre Grenzen», meint Götz. Ihnen sei es furchtbar peinlich, in eine Windel gewickelt im Gitterbett aufzuwachen. Götz: «Bei vielen bin ich mir dann sicher, die sehe ich nicht wieder.» Rund 15 Prozent der Jugendlichen seien den Alkohol aber auch gewöhnt. Wie ein 16-Jähriger, der mit drei Promille noch seinen Namen, sein Alter und sein Geburtsdatum nennen konnte.

«Diese 15 Prozent», betont der Arzt, «sind das Hauptproblem.»

Trend aus dem Ausland

Grenzen austesten. Das ist auch für Jugendamtsleiter Matthias Haugg der Grund dafür, dass Jugendliche trinken. «Dieser Trend des Koma-saufens ist aus dem Ausland zu uns herübergeschwappt. Um das Problem zu beheben, sei die gesamte Gesellschaft gefordert, Eltern, Schulen und freilich auch Behörden.

Diese sind übrigens, betont Haugg, intensiv am Fall des 13-Jährigen dran, der der Polizei wie berichtet an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden auffiel. Der Bub hatte - zumindest einmal unter dem Einfluss von Alkohol - vier ältere Jugendliche verprügelt. Die Sache, versichert Haugg, werde überprüft. Strafrechtlich belangt werden könne das Kind jedoch nicht. Das sei erst möglich, wenn der Bub 14 ist.

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