Kriminalpolizei
So manchen bösen Buben aufs Kreuz gelegt

Darüber gemunkelt hatten die Kollegen schon. Aber wie zum Beweis geht Manfred Adamer noch einmal an seinen Arbeitsplatz zurück. Öffnet eine Schranktür. Holt die beiden Gläser mit den in Formalin eingelegten Händen hervor. «Da sieht man genau die Waschhaut», nimmt Manfred Adamer Bezug auf das, was er zuvor in Sachen Fingerabdrücke erklärt hat. Dann packt er die Gläser wieder in den Schrank.

Nein, mitnehmen wird er die Hände nicht. Jetzt ist ein für alle Mal Schluss mit den Leichen. Was er aber mitnimmt, sind - genau wie bei seinem Kollegen Lothar Fischer - jede Menge Erinnerungen. Nach 42 Jahren gehen die beiden Kripobeamten in Pension. Mit all ihren Erinnerungen an die großen und spektakulären Fälle, aber auch an die kleinen, dafür aber genauso interessanten. Und mit ihrer Erfahrung, was wiederum Albert Müller doch ein wenig Kopfzerbrechen bereitet: «Da gehen zwei Urgesteine», meint der Kripochef und betont, dass zwei seiner Leute nicht ausreichen werden, um Adamers und Fischers Lücken zu füllen. Denn die Erfahrung, die beide in über 40 Jahren bei der Polizei gesammelt haben, könne so schnell keiner ersetzen.

Bösen Buben mit kriminalistischem Spürsinn und viel Puzzlearbeit das Handwerk legen - das hat Manfred Adamer und Lothar Fischer in all den Jahren Spaß gemacht. Wenn auch auf unterschiedliche Weise. Der eine, Adamer, als Erkennungsdienstler, der andere, Fischer, als Leiter der Verhandlungsgruppe und Spezialist für Wirtschaftskriminalität. Dass beide ihren Beruf mit Leidenschaft ausgeübt haben, hört man ihren Erzählungen sofort an. Und zu erzählen haben die Kriminaler reichlich.

600 bis 700 Obduktionen

Nicht gerade zimperlich darf sein, wer den Erlebnissen von Manfred Adamer lauscht. «Auf 600 bis 700 Obduktionen werde ich es schon geschafft haben», sagt er. 34 erlebte er allein im Fall des Sonthofener Todespflegers, als 42 Leichen exhumiert werden mussten. Oder die Sache mit besagten Händen.

Die gehörten einem 1974 ermordeten Mann. Um die Leiche per Fingerabdruck identifizieren zu können, mussten die Hände abgetrennt und die oberste Hautschicht entfernt werden. Die Geschichten, die der 60-Jährige zu erzählen hat, sind oft blutig. Eben von Tatortarbeit handeln sie. Und doch hatte er stets Spaß daran: «Wenn man halt sieht, dass es aufgeht. Dass man Recht hat mit seinen Vermutungen.»

Das kann Lothar Fischer nur bestätigen. So erinnert er sich daran, wie er ein Jahr lang versuchte, einem dubiosen Burschen Betrug bei Handygeschäften nachzuweisen. Schließlich klappte es, drei Jahre lang saß der Mann in Haft.

«Und jetzt kommts erst», sagt Lothar Fischer und grinst: «Wieder in Freiheit, stand er irgendwann in meinem Büro und zollte mir Respekt, weil ich es geschafft hatte, ihn aufs Kreuz zu legen.» An «richtig Spaß» an der Arbeit erinnert sich Fischer beispielsweise auch, als die Kemptener Kripo die Ermittlungen zur so genannten Nigeria-Connection, einer Betrugsmasche, übernahm. Etliche Täter konnte man ermitteln, Fischer hielt daraufhin einen Vortrag bei Europol in Den Haag. «Allerdings auf Englisch», lacht er: «Das wurde dann bei der Frage-Antwort-Runde eine Katastrophe.»

Die Kriminaler könnten ewig erzählen. Von Spurensuche am Tatort. Davon, dass Manfred Adamer maßgeblich daran mitgewirkt hat, dass Spuren wie Fingerabdrücke digital erfasst und über das Internet der Polizei überall verfügbar gemacht wurden. Dass Lothar Fischer auch einmal - in Kaufbeuren noch - Todesermittler war, bevor er sich der Wirtschaftskriminalität verschrieb und zuletzt stellvertretender Chef der Kemptener Kripo war.

Verhandlungen mit Erpressern

Der Job gehört für die beiden 60-Jährigen jetzt der Vergangenheit an. Doch geht das so einfach? «Ich hab, glaub ich, kein Problem», sagt Manfred Adamer. Denn er wird bald Opa und überhaupt will er mehr kochen und sein Italienisch verbessern.

Und Lothar Fischer? «Die Verhandlungsgruppe werde ich am meisten vermissen», glaubt er und erinnert sich an Zeiten zurück, als er mit Erpressern Verhandlungen führte oder mit Menschen sprach, die sich das Leben nehmen wollten. Aber auch er hat für den Ruhestand viele Pläne, will reisen, das Haus renovieren und sich um seine Kinder kümmern. Ach ja, und da wäre noch etwas, meint Lothar Fischer schmunzelnd: erst einmal die Liste abarbeiten, die ihm seine Frau für die ersten Tage in Rente zurechtgelegt hat.

 

Zwei «Urgesteine» der Kemptener Kripo verabschiedete deren Leiter Albert Müller (Mitte) in den Ruhestand: seinen Stellvertreter Lothar Fischer (links), Experte für Wirtschaftskriminalität, und Erkennungsdienstler Manfred Adamer. Beide waren über 40 Jahre lang bei der Polizei. Foto: Martina Diemand

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