Musikalische Lesung
Simone Schatz, Tiny Schmauch und Astrid Bauer erzählen von Beleuchtungswahn, Elternehrgeiz und höflichen Engeln

Das war eine vorweihnachtliche Bescherung vom Feinsten: die musikalische Lesung 'Früher war mehr Lametta' mit Simone Schatz, Astrid Bauer und Tiny Schmauch in der Volksbankgalerie Lindenberg. Herrlich überspitzt

Ist Weihnachten ein Fest des Friedens und der Freude? Oder menschelt es da ganz besonders, kommen Größenwahn, Neid, Rechthaberei und all die anderen Tugenden erst so richtig heraus? Die herrlich überspitzten Gedichte und Geschichten von Axel Hacke über Mascha Kaleko bis zu Hans Dieter Hüsch, denen Schatz Leben gab, sprachen jedenfalls eine eindeutige Sprache: Ab dem ersten Advent zeigt sich, was den Menschen ausmacht. Rund 25 Zuhörer amüsierten sich dabei königlich.

Über die Weihnachtsoffensive in einer Reihenhaussiedlung, den Wettkampf um die spektakulärste Illumination. Die Lux-Zahlen steigen ins Unermessliche, wozu auch ein Kriegsveteran mit 190 Flakscheinwerfern beiträgt. Kein Wunder, dass die NASA glaubt, eine Supernova entdeckt zu haben – und das Kohlekraftwerk Sottrup-Höcklage unter der Spitzenlast zusammenbricht.

Mit Kontrabass und Querflöte unterstreichen Tiny Schmauch und Astrid Bauer den 'Ernst' der Lage, schicken Bach, Händel und Piazzolla in das Ringen um eine ultimative Weihnachtszeit, lassen es mit jazzigen Klängen grooven.

Simone Schatz liest nicht nur, sie kniet sich in die Figuren hinein, wird beim 'Karriereknick im Krippenspiel' zum Lebkuchen essenden Jean-Philipp, der von Vater Roland gecoacht auf die 'Hauptrolle' des Hirten vorbereitet wird. Allerdings haben auch andere Eltern kleine Genies als Kinder . Das Schmunzeln und Lachen nimmt an diesem Abend kein Ende. Über die Familienidylle, die an Heiligabend nachhaltig getrübt wird durch unterschiedliche Auffassungen zur Reihenfolge von Essen, Singen und Bescheren.

Über Loriots 'Adventsgedicht', das mit 'Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken', so beschaulich anfängt und dann dank praktisch veranlagter Försterin zur waidgerechten Er- und Zerlegung des Ehemanns führt. Das Lied 'Stille Nacht, heilige Nacht' erhält hier eine ganz neue Bedeutung.

Engel gegen BMW

Harald Martensteins 'Engel im Gegenverkehr' lässt Schatz dann kurzerhand an einer Kreuzung in Lindenberg spielen. Engel sind natürlich höchst höfliche Wesen, die bei Gegenverkehr anhalten, wenn sie links abbiegen wollen. BMW-Fahrer, die sich hinter einem solchen Fahrzeug befinden, sind wiederum höchst ungehalten, wenn sie trotz grüner Ampel keine freie Fahrt haben.

Ein Disput zwischen zwei Ungleichen entspinnt sich, in dem der freundliche Engel mit 'Jesus liebt Dich' den druckreifsten Beitrag liefert.

Der vergnügliche Abend verhallt in den Klängen von Querflöte und Kontrabass, jeder Menge Beifall – und dem Hinweis: 'Es gibt noch viel zu tun vor dem Fest. Vor allem in Lindenberg.'

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