Memmingen
Sie wurde nicht einmal 30

Verschämt schweigen und so tun, als ob nichts gewesen wäre. Genau das wollen die Stadt und die christlichen Dekanate nicht. Deswegen veranstalten sie am Dienstag, 15.September, ab 18 Uhr in der Martinskirche eine gemeinsame Gedenkfeier. Damit soll die Erinnerung an die ehemalige Synagoge der Jüdischen Gemeinde wachgehalten werden. Diese wurde vor 100 Jahren feierlich eingeweiht und vor 71 Jahren dem Erdboden gleich gemacht (siehe auch Infokasten).

Nicht einmal 30 Jahre stand das jüdische Gotteshaus an der Ecke Schweizerberg/Kaisergraben. Am 2.November 1908 war der Grundstein gelegt worden, am 8.September 1909 wurde es feierlich eingeweiht. Im Zuge der sogenannten Reichskristallnacht (9. auf 10. November 1938) wurde die Synagoge im Auftrag des nationalsozialistischen Regimes wie rund 1400 andere jüdische Gebetshäuser im gesamten Deutschen Reich zerstört.

Rund 29 Jahre zuvor, bei der Einweihung der Synagoge, deutete noch nichts auf die kommende Katastrophe hin. Der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Albrecht Gerstle, sagte bei der Feier am Schweizerberg: «Auch wir Israeliten fühlen uns unter seiner glorreichen Regierung (gemeint war Prinzregent Luitpold von Bayern, Anm. d. Red.) als zufriedene, glückliche Bürger. Und mit allen Bewohnern des Landes blicken wir zum ihm empor als dem Hort der Gerechtigkeit, als Fels der Treue.»

Historische Quellen berichteten davon, dass es am 8.September 1909 auch einen «imposanten Festumzug» in der Stadt gegeben habe, weiß der evangelische Pfarrer Ralf Matthes, der sich mit der Geschichte der Synagoge beschäftigt hat.

Als die Nazi-Schergen in der ganzen Stadt wüteten

Nicht nur Matthes geht davon aus, dass die Anteilnahme der Memminger Bevölkerung groß gewesen ist. Auch im Alltag seien die Juden zu jener Zeit «gut in das tägliche Leben integriert gewesen». Das lasse sich auch in der Ausstellung des Heimatmuseums im Hermansbau über das Leben der Juden in Memmingen nachvollziehen.

Keine drei Jahrzehnte später war dann alles anders: Der Historiker Paul Hoser beispielsweise berichtet in seinem Buch «Die Geschichte der Stadt Memmingen» detailliert über die unheilvollen Ereignisse in jenen Novembertagen des Jahres 1938: Er schildert, wie die Nazi-Schergen in der gesamten Stadt in jüdischen Wohnungen und Geschäften wüteten.

Doch nicht nur dort: Im Gotteshaus am Schweizerberg wurden zunächst beispielsweise Thorarollen herausgerissen und verbrannt sowie Leuchter und Bänke geplündert. Später wurde das Dach fachmännisch abgedeckt, um die Ziegel weiter für andere Zwecke verwenden zu können. Schließlich wurde der sakrale Bau gesprengt, der Schutt systematisch abgetragen.

Eine ganze Woche dauerte das Vernichtungswerk. Zahlreiche Memminger Unternehmen, Bürger, ja sogar Schulklassen mit ihren Lehrern haben sich daran beteiligt. Das ist auf Fotos in der Ausstellung im Hermansbau deutlich zu sehen. In Band II der Stadtgeschichte von Paul Hoser liest man jedoch, dass auch sehr viele Bürger die «kriminellen Handlungen» abgelehnt hätten.

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