Sich verstehen geht auch ohne Worte

Von Barbara Hell
| Waltenhofen Soll es heute Mittag Chili geben? Milan Prukatsch verzieht den Mund und schüttelt heftig mit dem Kopf. Der 75-Jährige kann seiner Meinung deutlich Ausdruck verleihen, auch wenn er seit einem Schlaganfall vor 27 Jahren keine Worte mehr sprechen kann. Und seine Frau Christine mit den beiden Töchtern Inge und Uschi hat es schon lange gelernt, den Schwerbehinderten zu verstehen.

Die Frauen pflegen Milan Prukatsch hingebungsvoll, wobei die 69-jährige Ehefrau die Hauptlast trägt. Ihr Tag beginnt um sechs Uhr morgens, weil Milan Prukatsch Frühmensch ist. Erst zieht sie sich an, dann ihren Ehemann. Bis zum Frühstück muss er freilich bis acht Uhr warten, was ihm offenbar nicht leicht fällt: «Da goschelt er gern rum, weil er lieber früher essen will. Aber ich darf ihn nicht zu sehr verwöhnen», pocht Christine Prukatsch auf einen festen Rhythmus, den sie braucht, um den Tag zu organisieren. Nach dem Frühstück gilt es, bei ihrem Mann den Blutdruck zu messen und Tabletten zu verabreichen.

Zwei wichtige Themen bewegen das Paar: der Sport und das Essen. Verschmitzt lächelt Milan Prukatsch, wenn seine Töchter ihn damit necken, dass er gern «fette Sahnetorten» nascht und vom Schlecken nicht gerade schlanker wird. Denn auch wenn sich der Schwerbehinderte nach einem Sturz vor zwei Jahren gar nicht mehr allein bewegen kann, so hat er den Humor keineswegs verloren. Auch seine Frau und Inge, die direkt in der Wohnung neben ihren Eltern im ersten Stock des Mietshauses lebt, sowie Uschi, die einmal die Woche von Marktoberdorf nach Waltenhofen fährt, tragen die belastende Pflegesituation mit Geduld und lieben es, mit ihrem Vater zu scherzen.

Seit Christine Prukatsch ihre Heimarbeit, das Binden von Brautkränzen und Trockengestecken, mit 60 aufgehört hat, schauen sich die beiden am Vormittag gern einen Film an - oder Sportsendungen. Die Olympischen Spiele in Peking sind für sie ein Fest: «Da lassen wir uns fast keine Sendung entgehen.»

Nach dem Mittagessen schläft Milan Prukatsch gerne, für seine Frau eine Ruhepause. Wenn ihre Tochter nicht nebenan wohnen würde, könnte sie nie Besorgungen machen oder mal eine Woche in Urlaub fahren: «Wir lassen ihn nie allein, das geht nicht mehr», ist Christine Prukatsch immer in Sorge, dass ihr Mann noch einmal stürzen könnte. Natürlich fragen sich die Angehörigen manchmal , warum gerade sie ein so hartes Schicksal treffen musste. Und Christine Prukatsch blickt sehr ernst, wenn sie sagt, dass ihr eigenständiges Leben mit 42 vorbei war.

Aber das Grübeln bringt sie nicht weiter, also nimmt die Familie ihre Last hin und rettet sich in Galgenhumor: «Was habe ich nur verbrochen, dass es mir so gut geht», sagt die 69-Jährige ironisch. Aber sie ist sich sicher: «Ich habe mir mein Plätzle im Himmel verschafft.» Zustimmend nickt Bürgermeister Eckhard Harscher, der das Paar mit einem Blumenstrauß überrascht, um damit die Leistung, einen Kranken 27 Jahre lang zu pflegen, ein wenig zu würdigen.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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