Sechs Abendtermine sind Standard

Von Markus Bär | Kaufbeuren Als Stefan Bosse vor etwas mehr als drei Jahren das Amt des Kaufbeurer Oberbürgermeisters übernahm, hatte er vorher zu seiner Frau Brigitte gesagt, dass er 'so drei oder vier Abende in der Woche' unterwegs sein müsse. Das werde die Position wohl mit sich bringen. Die Realität holte den heute 43-Jährigen schnell ein. Kürzlich nahm er an einer Umfrage des Marktforschungsinstitutes Emnid unter Bürgermeistern teil und ließ seinen Kalender einmal genauer durchleuchten. 'Die Frage ist heute: Bin ich sechs oder sieben Abende in der Woche fort', sagt der Mann, dem es als ersten CSU-Politiker gelang, den Chefsessel im Kaufbeurer Rathaus zu besetzen. Eine 75-Stunden-Woche ist für Bosse jetzt die Regel.

In seinem Büro herrscht oft 'fliegender Wechsel'. Gerade noch spricht er mit Vertretern der Mobilfunkinitiative Oberbeuren. Kurz darauf kommt Gerhard Schmidt vom Förderverein der Blauen Blume Schwaben vorbei und möchte, dass der OB als Schirmherr bei einem Benefiz-Konzert eine Rede hält. 'Und das ist an einem Sonntag', meint Bosse stirnrunzelnd - wieder ist ein freier Abend dahin. Aber das gehört für ihn dazu. 'Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass es mir zu viel ist. Das Amt macht mir großen Spaß.' Eigentlich könnte man deshalb meinen, dass er momentan im großen Stil Wahlkampf betreibt. Schließlich wird er übernächsten Sonntag von Markus Grill (SPD) herausgefordert. Doch dafür bleibt Bosse wenig Zeit. Kürzlich hat er zumindest einen Sonntag Nachmittag geholfen, Plakate aufzustellen. 'Das ist klar, dass ich da dabei sein muss'. Dafür habe sich ein OB nicht zu fein zu sein. 'Und wenn ich ein beschädigtes Plakat sehe, dann packe ich es sofort in den Kofferraum.' Der Anblick sei sonst wahlkampftechnisch schädlich.

Das Familienleben hat sich für den früheren Polizeidirektor radikal geändert. '2004 konnte ich im Wahlkampf noch meine Vorlesungen an der Polizei-Hochschule so legen, dass ich Zeit für Hausbesuche hatte.' Auch hatte er sich gedacht, dass er seine Familie - seine beiden Töchter sind jetzt acht und zehn Jahre alt - auf Termine mitnehmen könnte. 'Das ist aber nicht praktikabel, das wäre für die beiden meist viel zu langweilig.'

Immerhin hält er sich den Morgen bis neun Uhr für die Familie frei, sieht die Mädchen aus dem Haus und in die Schule gehen. Die Arbeitstage dauern aber nicht selten bis um 23 Uhr. 'Wenn ich heim komme, schlafen die anderen meist schon. Ich hingegen bin oft noch fit. Ich bin ein Nachtarbeiter und brauche nicht viel Schlaf. Fünf Stunden reichen mir in der Regel.' Er sichtet E-Mails, schreibt Texte oder Konzepte und manchmal liest er nachts um kurz vor 2 Uhr schon die neue Ausgabe der Allgäuer Zeitung, die zu dieser Uhrzeit in der Nachbarschaft bei einer Zustellerin angeliefert wird.

Bosse ist sich sicher, dass er seit seinem Amtsantritt 'die wichtigsten Punkte' angestoßen hat. Dazu zählen für ihn die Fusion des Klinikums mit den Kreiskliniken (und dass das Krankenhaus jetzt endlich fertig gestellt wird), dass Kaufbeuren einen vierspurigen Anschluss zur A 96 erhält, dass der Problemfall Martinsheim gelöst ist. Weitere Schwerpunkte sind der Bau des Reifträgerweges, die neue Klinikenküche am BKH und das Stadtmuseum. Von seinem Vorgänger Andreas Knie habe er allerdings auch eine Menge übernommen, wie er betont. Das OB-Büro hat bis heute die gleichen Möbel, den gleichen Anstrich, sogar der Taschencomputer sei von Knie. Und Bosse leistet sich wie Knie bis heute keinen Chauffeur, obwohl der dem OB zustünde.

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