Memmingen
Schweigend und berührt

Als allenthalben in Europa der «Tag der jüdischen Kultur» gestaltet wurde, standen um 14 Uhr an die 100 Frauen und Männer an der roten Mauereinfriedung, vor dem noch verschlossenen Tor am jüdischen Friedhof in Memmingen. Stadtführerin Sabine Streck freute sich über das «große Interesse» und bekam bedauernd zu hören: «Es gibt nur selten Gelegenheit, den Memminger Judenfriedhof zu besuchen.»

Sichtlich berührt schritten die zahlreichen Besucher entlang der nur mit Efeu bepflanzten Gräber, nachdem die Stadtführerin mit jüdischer Begräbnistradition vertraut gemacht hatte. Dabei erfuhren die interessierten Zuhörer, dass jüdische Tradition keinen Blumenschmuck kenne und nicht vom Tod gesprochen werde, sondern vom «Haus des Lebens», dem «Haus der Ewigkeit» oder einem «guten Ort».

Schweigend legten manche Besucher einen Stein auf einen Grabstein, weil die darauf verewigten Namen nicht wenigen Memmingern immer noch vertraut sind. Streck hatte sie vorgelesen und in Erinnerung gebracht, die Namen aller Memminger Bürger (ein Prozent der Bevölkerung), die beim Ausbruch des Naziterrors hier lebten.

Dass die Fertigstellung der Synagoge ein Fest für die ganze Stadt gewesen und diesem Bethaus besonderer Schutz zugesagt worden sei, kam ebenso zur Sprache wie deren Sprengung nach der verharmlosend so genannten Reichskristallnacht.

Glänzender Splitterberg

Auf die Frage, wer sich noch an dieses furchtbare Ereignis erinnere, bei dem die Wohnungen jüdischer Mitbürger brutal zerstört wurden, meldete sich die 85-jährige Maria Häring: «Ich hatte als kleines Mädchen große Angst, als ich den glänzenden Splitterberg der aus dem Fenster geworfenen Gläser unserer jüdischen Mitbewohner sah.»

Ausführlich berichtete die Stadtführerin, wie der Memminger Judenfriedhof geschändet wurde, als Grabsteine umgeworfen, abtransportiert und für Hausbauten vorgesehen wurden; als auf den «für die Ewigkeit gedachten Gräbern», die nach jüdischer Tradition niemals aufgelassen werden, ein Hühnerhof angelegt wurde - «für einen besonders verdienstvollen Nationalsozialisten».

Zahlreiche grausame Untaten kamen in Zitaten der damaligen Zeitung zur Sprache, beklagenswerte Einzelschicksale wurden in Erinnerung gebracht. Den Namen Simon Kitzinger lasen jene, die auf einem Grabstein entzifferten: «Du edler Mann, so groß an Lieb und Güte. Bei Reich und Arm dein Name lebet fort. Nur Freud am Wohltun hegte dein Gemüte. Wie deine guten Taten war dein Wort.»

Zweimal schilderte Werner Bachmayer im Stadtmuseum die Bedeutung einiger in der jüdischen Abteilung ausgestellten Kultgegenstände. Dicht gedrängt standen im abgedunkelten kleinen Raum die Besucher vor Toravorhang, Toraschild und Torazeiger, die hinter Glas zu sehen sind.

Auch in Bachmayers Ausführungen kam die brutale Zerstörung der Memminger Synagoge zur Sprache, nach der der damalige evangelische Pfarrer Emmert ein auf Stacheldraht aufgespießtes Blatt aus einem Gebetbuch retten konnte.

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