Kriminalität
Schüsse im Zug zwischen Kaufbeuren und Kempten: Hintergründe zu den Tätern

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Einer ist tot, einer liegt im Koma: Die Männer, die Mitte März bei einer Kontrolle in einem Regionalzug ausgerastet sind, kommen beide aus Augsburg. Was machte sie zu mutmaßlichen Tätern?

Das Bahngleis bei Günzach, ein 1400-Seelen-Ort im Ostallgäu, ist die letzte Station im Leben von Viktor P. - zurück bleiben vor allem Fragen: Weshalb ist er so auf die schiefe Bahn geraten, dass er zu einer Haftstrafe verurteilt wird und abtaucht? <span style='display: none;'> </span>Warum rastet er bei der Kontrolle im Zug so aus?<span style='display: none;'> </span>

Seine Familie will darüber nicht reden. Vermutlich hat auch sie keine Antworten. Viktor P.s Vater kommt an die Wohnungstür im fünften Stock eines Mietshauses in Oberhausen. Er denkt einige Sekunden nach, dann schüttelt er den Kopf. "Nein", sagt er leise, "wir wollen nichts sagen."

Trinkst Du viel Alkohol? "Ja"

Viktor P.s Familie, so viel ist bekannt, stammt aus Russland. In Augsburg findet sie in der Nähe der Donauwörther Straße eine Heimat. Ein Foto aus dem Jahr 2011 zeigt Viktor P., wie er mit Freunden dort auf dem Balkon steht und in die Kamera lacht. Möglich, dass er schon in dieser Zeit abrutscht. Alkohol und Drogen spielen dabei eine Rolle.

Auf einer Internetseite beantwortet er die Frage "Trinkst Du viel Alkohol?" mit Ja. Im Netzwerk Facebook ist er in einer Gruppe, deren Mitglieder sich über den Konsum der Droge Cannabis austauschen. Im vorigen Sommer kommt ein Gericht dann zum Ergebnis, dass es so nicht weitergeht.

Viktor P., der auch zuvor schon Ärger mit der Justiz hatte, wird vom Amtsgericht hinter Gitter geschickt. Er hat am 30. Januar 2013 bei einem Diebstahl einen Ladendetektiv angegriffen. Dazu kommen weitere Diebstähle und ein Einbruch. Zwei Jahre und fünf Monate Haft lautet das Urteil. P. soll die Strafe im Gefängnis in Neuburg absitzen.

Er bekommt aber wohl rasch die Chance, in einer Suchtklinik in Grafrath (Kreis Fürstenfeldbruck) eine Therapie zu beginnen. In der Klinik gelten weniger strenge Regeln als in der Haft. An Wochenenden und teils auch abends dürfen die Patienten, wenn es genehmigt wird, das Haus verlassen.

Die Chance, hier seinem Leben eine neue Richtung zu geben, verpasst Viktor P. Im Januar taucht er ab. Er wird mit Haftbefehl gesucht - und rastet aus, als ihn Beamte der Bundespolizei am 21. März im Zug von München nach Kempten kontrollieren. Was sich in dem Regionalzug genau abspielt, ist nach wie vor nicht bekannt. Fest steht, dass Viktor P. an jenem Freitagnachmittag nicht alleine unterwegs ist.

Michael W., 44, ist dabei, ein Bekannter aus Augsburg. Als sie kontrolliert werden, zücken sie Schreckschusspistolen. Einer der Männer nimmt einem Beamten die Dienstwaffe ab und schießt. Sie entriegeln schließlich eine Tür und springen aus dem fahrenden Zug. Michael W. überlebt schwer verletzt und liegt seither im Koma.

Nach der Schießerei läuft im Allgäu eine große Polizeiaktion an. Spezialkräfte sperren den Kemptener Bahnhof und durchkämmen den Regionalexpress. Auch in Augsburg sind noch am selben Tag Spezialkräfte der Polizei unterwegs. Sie durchsuchen die Wohnung von P.s Familie in Oberhausen und ein Apartment in der Herrenbachstraße, in dem Michael W. mit seiner Frau lebt. Gegen 22 Uhr brechen die Polizisten W.s Wohnungstür auf.

Nachbarn erzählen, der Mann habe keinen Kontakt gesucht

Die Nachbarn erzählen, Michael W. sei erst vor rund einem Jahr hier eingezogen. Viel wissen sie nicht über ihn. Er habe keinen Kontakt gesucht, sei meist grußlos vorbeigegangen. Eine Frau erzählt, er sei öfter betrunken gewesen; lauten Streit in der Wohnung habe sie gehört. Als die Spezialkräfte anrücken, ahnt ein Nachbar schon: "Jetzt muss was Schlimmes passiert sein."

Bei Polizei und Justiz in Augsburg waren die Männer schon länger bekannt. Allerdings stufte man zumindest Viktor P. als "kleinkriminell" ein, wie ein Beamter sagt. Nicht als Schwerverbrecher wie die Brüder Raimund M. und Rudi Rebarczyk, die für den Mord am Augsburger Polizisten Mathias Vieth verantwortlich gemacht werden. Standen die Männer unter Drogen, als sie so ausrasteten? Das wird derzeit untersucht. "Es gibt noch vieles zu klären", sagt der Kemptener Staatsanwalt Bernhard Menzel. "Und diese Frage gehört dazu."

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