Porträt
Schreiben bis nachts um vier Uhr

Gut geschlafen hat er in der Nacht zuvor vermutlich nicht. «In diesen Tag», gesteht Dr. Erhard Dörr, «bin ich mit gemischten Gefühlen gegangen.» 84 Jahre alt wird er demnächst. Die Augen haben deutlich an Sehkraft verloren, die Beine wollen nicht immer so wie der Geist, die Gelenke schmerzen.

An diesem Vormittag erwartet Erhard Dörr Besuch von der Allgäuer Zeitung, der er über 50 Jahre lang im Bereich der Theaterkritik seinen Stempel aufgedrückt hat. Nun, mit bald 84, geht der ehemalige Direktor des Hildegardis-Gymnasiums Kempten auch in diesem Bereich in den Ruhestand. Den letzten Artikel für die AZ hat Dörr Anfang des Monats verfasst - eine wohlwollende Kritik zur Komödie «Mirandolina» von Carlo Goldoni, aufgeführt im Theaterkästle Altusried.

Eine Ära geht zu Ende: Dieser Satz besitzt zwar Pathos, trifft in diesem Fall aber den Nagel auf den Kopf. Erhard Dörr ist zahlreichen Besuch wie an diesem Vormittag nicht mehr gewöhnt. Deshalb die erwähnten gemischten Gefühle.

Spätestens nach einer halben Stunde allerdings, als die Gesprächsrunde mitten drin ist im Lieblingsthema des langjährigen AZ-Mitarbeiters, als von Aufführungen des Düsseldorfer Schauspielhauses im Theater Kempten oder von Inszenierungen mit dem legendären Josef Meinrad die Rede ist, blüht Erhard Dörr auf, lächelt, rechnet die Jahre zurück, verteilt Lob und Tadel für diesen und jenen Schauspieler und beteuert: «Die große Liebe zum Theater hat bei mir nie aufgehört.»

Mechanische Schreibmaschine

Man hat als Gesprächspartner das Gefühl, dass Dörr dieses Gespräch genießt. Seine Hand greift nach dem Sektglas, das ihm seine Frau gefüllt hat. Ja, es sei nun ein geeigneter Moment auf eine Zeit anzustoßen, die er nicht missen möchte. «Für die Zeitung zu schreiben», sagt Dörr, «hat mir viel Spaß gemacht. Ich spürte schon immer die Liebe zum Journalismus.»

Gleich neben ihm, hier im Wohnzimmer der Dörrs, steht eine Schreibmaschine, Typ Olympia. Mechanisch, ohne Schnickschnack. Darauf hat er all die Jahre seine Theaterkritiken verfasst. «Manchmal», wie sich Dörr erinnert, «bis um 4 Uhr in der Nacht.» Schließlich warteten tagsüber andere Verpflichtungen auf ihn: als Gymnasial-Direktor (1970 - 1989), als Leiter der Kemptener Volkshochschule, als Botanik-Experte oder als Familienvater.

Die Manuskripte brachte er in aller Regel selbst in der Zeitung vorbei. Eine Rarität in Zeiten der elektronischen Post. Die Manuskriptblätter, die seit 1953 auf den Redaktionstischen landeten, waren immer versehen mit einer Überschrift. An ihr, und auch am Text selbst sollte, bitte schön, möglichst kein Redakteur herumpfuschen. .

Lebensläufe wie jener von Erhard Dörr stehen für Beständigkeit, was heute längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist Mit seinem Abschied als AZ-Mitarbeiter geht eine Ära zu Ende.

 

Dr. Erhard Dörr beendet seine Tätigkeit als Theaterkritiker. Die Kulturredakteure der AZ, Klaus-Peter Mayr (rechts) und Michael Dumler, statteten dem 83-Jährigen und seiner Frau Kriemhild einen Dankes-Besuch ab. Auf der mechanischen Schreibmaschine im Vordergrund verfasste Dörr seine Artikel. Foto: Hermann Ernst

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