Memmingen
Schauerliches Liebesende

Ein bewegender Abend war das Memminger Meisterkonzert in der Aula der FOS/BOS mit dem Liederzyklus «Winterreise» op. 89 von Franz Schubert - und gleichzeitig ein menschlicher und künstlerischer Höhepunkt der Saison. Das Konzert gestalteten Cornelia Samuelis (Sopran) und Christian Weiherer (Klavier). Spannend und ungewöhnlich daran war, dass eine Frauenstimme die Gesangspartie übernahm. Man kennt Stars der Liederszene wie Hermann Prey oder Dietrich Fischer-Dieskau in dieser Partie, diesmal zeichnete ein Sopran die Rolle des Liebesleidenden. Und siehe da, es war ein Erlebnis gleichwertiger Art, denn Liebesschmerz bleibt Liebesschmerz und nimmt auf das Geschlecht kaum Rücksicht.

Der Dichter Wilhelm Müller aus Dessau hat gegen Ende seines Lebens im Jahr 1824 - er starb 1827 - die «Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten» geschrieben, die er auch vertont sehen wollte. Wenn sie auch nicht zu den Größen deutscher Dichtung gehören, so sind sie doch unmittelbar ansprechend und erregend. Schubert erkannte dies und vertonte die ersten zwölf Verse im Todesjahr Müllers 1827. Die weiteren zwölf Gedichte wurden erst nach Schuberts Tod im Dezember 1828 veröffentlicht. Es sind Werke von zwei Frühvollendeten am Abend ihres Lebens.

Vollkommene Vollendung

Die Meisterkonzert-Besucher hatten das Glück, sie in vollkommener Vollendung zu hören: Es hatten sich zwei Künstler zusammengefunden, die großes Können eint und die solches Können auch über die Rampe bringen können. Cornelia Samuelis gestaltete den Abend auswendig mit einer dramatischen und geradlinigen Sopranstimme, die dramaturgisch zuzuspitzen wusste. Überdies sang sie sehr textverständlich, was gerade für diesen Zyklus wichtig ist. Sie stand der Müllerschen Dramatik sehr nahe, in der ja viel von Tränen und von elend sein der Gesang ist. Die Müllersche Trostlosigkeit wurde durch ihren Gesang transparent und endete im letzten Lied «Der Leiermann» geradezu gänsehautmäßig. Ihr hilfreich zur Seite stand Christian Weiherer, ein Beau im Frack, wie das Publikum fröhlich bemerkte. Sehr einfühlsam formte er die Lieder, zu denen er ja nicht nur Begleitmusik spielte, sondern die Kompositionen immer zum Text interpretierte.

Das Zusammenspiel der beiden Künstler war bewundernswert, vor allem Weiherer bestimmte dabei die Tempi, mal forsch, mal zurückhaltend - ein Genuss bei aller Schauerlichkeit.

Der Weg führt nur bergab

Der Held der «Winterreise» wandert, aber sein Weg führt bis zum schauerlichen Liebesende nur bergab, und die ganze Entsetzlichkeit dieses Bergab offenbart sich im Fehlen jeglichen Zieles. Des Totenackers «Wirtshaus» erweist sich diesem Wanderer gegenüber völlig unwirtlich. Hier zeigt sich die Tragödie der «Winterreise» in ihrer ganzen Dämonie. Das zum Publikum gebracht zu haben, ist das schöne Verdienst der beiden Künstler, denen herzlicher Beifall galt. Es war ein Abend, der zu Tränen rühren konnte, ein großer Abend im Memminger Musikleben.

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