Islamismus
Salafistenbewegung findet immer mehr Anhänger im Allgäu

Das Grauen ist nur eine Wischbewegung auf dem Handy entfernt. Bilder von Toten sind zu sehen. Von Hingerichteten. Von Kriegsgräuel, die in krassem Widerspruch stehen zu der friedlichen Szenerie in einem Kemptener Park. Gerade dringen einige Sonnenstrahlen durch die Wolken, fallen auf das sattgrüne Laub an den Bäumen, auf eine ungemähte Wiese und einen Kinderspielplatz.

Der junge Mann, der den Terror aus Syrien und dem Irak über das Internet nahe heranholt an Kempten, ist 21 Jahre alt. Abdul Aziz at-Turki nennt er sich, im wahren Leben heißt er Erhan A. Er ist Salafist, gehört also den radikalen, politisch motivierten Muslimen an, die Demokratie und Menschenrechte ablehnen. Die jungen Männer beschäftigen zunehmend die Sicherheitsbehörden im Allgäu.

Vier Ausreiseverbote haben die Stadt Kempten und die Ausländerbehörde des Oberallgäuer Landratsamts mittlerweile verhängt. So wollen sie verhindern, dass weitere Allgäuer zu "Gotteskriegern" werden - so wie David G., der mit gerade 19 Jahren im Januar in Syrien starb.

Wie schnell ganz normale junge Männer aus Deutschland zu gefährlichen Attentätern werden können, zeigt das Beispiel Philip B. Der 27-Jährige aus Dinslaken war befreundet mit David G., wurde Schilderungen zufolge mit ihm in einem syrischen Terrorcamp ausgebildet. Vor gut zwei Wochen soll sich der frühere Pizzabote aus Nordrhein-Westfalen im Irak in die Luft gesprengt haben. Er riss 20 Menschen mit in den Tod. Erhan A. kennt den Fall. Und nicht nur diesen.

Seit etwa einem Jahr, sagt der Kemptener, betreibt er eine Gruppe über den Handy-Nachrichtendienst Whatsapp. Der Name: Dawlatul Islam. Es ist eine andere Bezeichnung für die Terrororganisation Islamischer Staat (IS), die durch ihre Grausamkeit im Irak und in Syrien weltweit für Entsetzen sorgt. 50 radikale junge Muslime, darunter viele Irak- und Syrienkämpfer, gehören der Whatsapp-Gruppe von Erhan A. an. Zwar darf der 21-jährige frühere Hochschulstudent derzeit nicht aus Deutschland ausreisen.

Doch das hindert ihn nicht daran, sich mit der internationalen Islamistenszene zu vernetzen. Besonders intensiv sind die Kontakte ins nahe Österreich - eine Entwicklung, die es vor Jahren auch im Rechtsextremismus im Allgäu gab. Zumal Österreich bei den Salafisten eine spezielle Rolle spielt. Dort lebte der verurteilte, 29 Jahre alte Terrorist Mohamed Mahmoud, der später in Nordrhein-Westfalen Kopf der Gruppe "Millatu Ibrahim" wurde. Der 2012 verbotene Salafistenverein aus Solingen ist bis heute im Untergrund aktiv, mehrere frühere Mitglieder kämpfen in den Reihen von IS.

Darunter auch Glaubensbrüder von David G., die er in Dinslaken kennengelernt hatte. Erhan A., der in der Kemptener Szene inzwischen als Vorbeter fungiert und kürzlich bei einer Anti-Israel-Demo von der Polizei des Platzes verwiesen wurde, steht mit ihnen in Kontakt. Seiner Whatsapp-Gruppe gehörte auch der 19-jährige Wiener Islamist Firas H. an, der ebenfalls in den Reihen von IS kämpft und inzwischen von Interpol per internationalem Haftbefehl gesucht wird. Der tunesischstämmige Mann hatte zuvor in Österreich mit Mord gedroht.

Bayernweit an der Spitze

Werden weitere junge Allgäuer diesem erschreckenden Beispiel folgen? Einige (darunter Erhan A.) haben es bereits versucht. Weshalb sich die Behörden mühen, die Salafisten aufzuhalten. Mit vier Ausreiseverboten stehen Kempten und das Oberallgäu offenbar bayernweit an der Spitze. Laut Verfassungsschutz gibt es im gesamten Freistaat nur "eine niedrige einstellige Zahl" solcher Ausreiseverbote.

Diese Verbote werden seit Jahren auch gegen gewaltbereite Fußball-Hooligans eingesetzt und können verhängt werden, wenn jemand "erhebliche Belange der Bundesrepublik Deutschland" gefährdet. Beim Landratsamt Oberallgäu heißt es, dass bei jungen Ausländern noch andere Mittel geprüft würden. Etwa ein Verbot politischer Betätigung.

In zwei Fällen überlege man gerade, wie es weitergehen soll. Weitere drei Islamisten aus dem Oberallgäu stehen unter intensiver Beobachtung, Verfassungsschutz und Innenministerium seien informiert. Gut ein Dutzend Salafisten gibt es derzeit im Allgäu. "Das eine ist, wenn es ihnen gelingen sollte, auszureisen. Die Gefahr geht aber erst richtig los, wenn sie irgendwann zurückkehren", sagt Polizeisprecher Christian Owsinski.

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