Isny
Rufus, der große Verführer

Der Mann ist ein gnadenloser Verführer. Sobald er den Mund aufmacht, ist man ihm verfallen. Rufus Beck, der vielbeschäftigte Schauspieler und Hörbuch-Sprecher (der deutschen Harry-Potter-Ausgaben beispielsweise) zog beim Isnyer Theaterfestival mit einem Ein-Mann-Theaterstück nach Jules Verne alle Register seines Könnens.

Jules Vernes fantastischen Roman «Von der Erde zum Mond» aus dem Jahr 1865 hatte sich der 52-Jährige vorgenommen und ein bezauberndes Bühnenspektakel kreiert. Über 100 Jahre, bevor sich Apollo 11 erfolgreich auf den Weg zum Mond machte, hatte der französische Schriftsteller diese Reise bereits halluziniert und literarisch thematisiert. Impey Barbicane, Präsident des im Sezessionskrieg gegründeten Kanonenclubs in Baltimore, schlägt dabei den sich im Frieden langweilenden Kriegsveteranen vor, mittels einer gigantischen Kanone eine Kugel zum Mond zu schießen. Der Mond soll 37. Staat der USA werden. Prompt fällt die Nation sogleich in ein orgiastisches Delirium.

Rufus Beck spielt nicht nur den Erzähler und Conférencier, der die auf eine Großleinwand projizierte Bildergeschichte - teilweise computeranimierte, von Musik und Geräuschen unterlegte Radierungen, Stiche oder Fotos - kommentiert. Wortgewaltig und gewitzt verkörpert er Barbicane und die weiteren Hauptfiguren wie dessen Rivalen Kapitän Nicholl oder den Franzosen Michel Ardan, der unbedingt als Erster zum Mond fliegen will.

Beck offenbart ein unglaubliches Gespür für den Rhythmus der Geschichte, für farbenreiche Nuancen und geistreiche Pointen. Virtuos seine sprachlichen Rollenwechsel. Mit beiläufigen Gesten und wenigen, aber expressiven mimischen Mitteln weiß er zu dramatisieren, durch Unaufgeregtheit und lakonischen Witz zu fesseln. Aber da ist noch mehr.

Satire auf Eroberungswahn

Nicht nur Vernes Science-Fiction-Roman aus dem 19. Jahrhundert, dessen Kern sich rund 100 Jahre später als gar nicht mehr fantastisch entpuppte, erweckt Beck zum Leben. Er interpretiert den Roman vor allem auch als Satire auf die Großmannssucht der Amerikaner, ihren Eroberungswahn und ihr grenzenloses Selbstwertgefühl. Im permanent-gleitenden Wechsel von Fiktion, Theaterspiel und Interaktion liegen die Stärken der Inszenierung.

Wie selbstverständlich schafft es Beck alias Barbicane & Co, das Publikum im gut gefüllten Zirkuszelt zum Mitmachen zu bewegen. Da wird geklatscht und gejohlt, als Barbicane sein Unternehmen vorstellt, unter anderem mit den Worten «Frieden ist tödlich».

Ein Schauer erfasst einen und Erinnerungen an einen tatsächlichen unheilvollen Verführer der Massen aus jüngster Vergangenheit werden wach.

Doch Rufus Beck weiß um das Spiel mit dem Feuer und bringt sein Publikum sofort wieder auf andere Gedanken. «Wer zuletzt kommt, den bestraft das Leben», sagt der Mann mit der vorspringenden Nase schelmisch grinsend bei der Aufzählung der Planeten. Denn dem kleinsten, dem 1930 entdeckten Pluto wurde die Planetenwürde ja wieder aberkannt. Am Ende gibt es frenetischen Applaus für ein erstklassiges Theatererlebnis. Chapeau für Rufus, den großen Verführer!

Heute, Freitag, 7. August (20.30 Uhr), Reggae-Musik mit Irie Révoltés und Martin Jondo; das Festival endet am Samstag, 8. August (20.30 Uhr) mit dem Tanztheaterstück «VoodooVibes».

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