Zwölf Artikel
Revolution für Menschenrechte

2Bilder

Sie diskutieren lange und lebhaft. Was genau die Bauern im März 1525 in der Memminger Kramerzunft sagen, weiß heute niemand. Doch es geht bei den drei Treffen von 50 Vertretern der sogenannten Allgäuer, Baltringer und Bodenseer Bauernhaufen um nichts Geringeres als um ein neues Gesellschaftsmodell. Denn so wie bisher wollen die Bauern, die damals einen Großteil der Bevölkerung ausmachen, nicht mehr leben. Sie sind zu allem entschlossen.

Die Bauern aus dem Oberallgäu und vom Bodensee wollen die Versammlung vorzeitig verlassen, sagt Dr. Hans-Wolfgang Bayer, Leiter des Memminger Kulturamts. Sie sehen keinen Sinn darin, mit dem im Schwäbischen Bund organisierten Adel zu verhandeln und setzen auf weitere Konfrontation in der ohnehin schon hitzigen Situation. Doch beim Abendessen des dritten Verhandlungstages gelingt der Durchbruch.

Damit schreiben die Bauern Geschichte: Sie verabschieden die Zwölf Artikel und einen Verfassungsentwurf, die Bundesordnung der Christlichen Vereinigung. Heute gelten diese Schriften als die erste Menschenrechtserklärung der Welt. Sie werden innerhalb kürzester Zeit 25 000 Mal gedruckt - eine für damalige Verhältnisse riesige Zahl.

Im Wesentlichen führen drei Faktoren zu den Ereignissen des März 1525: Die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten Süd- und Mitteldeutschlands, Österreichs und der Schweiz wächst stark. Denn das Klima ist günstig und - weit wichtiger - die zuvor verheerende Pest wütet nicht mehr. Dadurch steht jedoch den einzelnen Bauernfamilien weniger Land zur Verfügung.

Zudem fühlen sich die Bauern zunehmend entrechtet: Die Obrigkeit verlangt immer mehr Abgaben und Dienste, die sie nicht entlohnt, sagt der Memminger Stadtarchivar Christoph Engelhard. Auch in die bis dahin teils autonomen Strukturen der Dörfer mischen sich die Mächtigen zunehmend ein. Über die Bauern urteilen sie willkürlich.

Als Drittes kommt die Reformation hinzu. Spätestens seit den 95 Thesen Martin Luthers wirbelt diese das bisherige Glaubensgefüge durcheinander. An dieser Stelle kommt Memmingen ins Spiel. Dort predigt seit 1513 der aus Sankt Gallen stammende Reformator Christoph Schappeler.

Zudem verfasst der Laienprediger Sebastian Lotzer Flugschriften und macht die neue Glaubensrichtung damit verständlich, erläutert Bayer. Lotzer ist eigentlich Kürschner und nach Memmingen zugereist. Er wird auch Schreiber des Baltringer Bauernhaufens, der sich zum Jahreswechsel 1524/25 zwischen Laupheim und Biberach formiert.

Rat zeigt sich aufgeschlossen

Gleichzeitig zeigt sich der Rat der Reichsstadt, in dem die Vertreter der Handwerkszünfte und Großkaufleute sitzen, aufgeschlossen und gesprächsbereit gegenüber den Anliegen der Bauern: Diese müssen weniger Dienste leisten und können sich auf verlässliche Vereinbarungen berufen. Zwar gibt es auch im Memminger Rat Altgläubige, so dass das Gremium in sich gespalten ist. Doch steht die Mehrheit der Reformation positiv gegenüber.

Es gibt keine Einladung an die Bauern, doch die Stadt gibt ihr Einverständnis zu dem Treffen, sagt Bayer. Die Zwölf Artikel geben den Unzufriedenen weit über die Region hinaus einen griffigen Forderungskatalog an die Hand. Es entsteht ein neues Gefühl. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Nun verbreitet sich die Revolution wie ein Flächenbrand bis nach Tirol, Franken und Thüringen. Die Aufständischen besetzen Klöster und Burgen. Weder die Bauern, noch der Schwäbische Bund zeigen großes Interesse zu verhandeln.

Das hat laut Bayer und Engelhard auch praktische Gründe, die heute kaum nachvollziehbar wirken: Die Bauern treffen sich im Winter, weil sie in dieser Zeit wenig auf ihren Feldern zu tun haben. Doch bald müssen sie aussäen, für ihre Revolution bleibt nur begrenzte Zeit.

Auch der Schwäbische Bund ist auf die Erträge der Bauern angewiesen und kann sich keine lange Konfrontation leisten. Er schlägt die Aufstände blutig nieder. Doch auch gescheiterte Revolutionen haben ihre Wirkung: Trotz ihres Sieges übernehmen die Mächtigen einige Forderungen aus den Zwölf Artikeln, um neue Aufstände zu verhindern.

Autor:

Frank Eberhard aus Kempten

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by Gogol Publishing 2002-2019