Marktoberdorf
Rettung für Zeugen der Stadtgeschichte

Einem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass das Zunftbuch der Maurer und Zimmerleute mit Eintragungen von 1664 bis 1698 zu Beginn der 1960er Jahre aus Marktoberdorfer Privatbesitz an die Stadt übergeben wurde. Dieses für die Stadtgeschichte bedeutsame kulturgeschichtliche Dokument befindet sich heute in den Beständen des Stadtarchivs und wird derzeit restauriert.

Schon im Jahr 1965 beklagte der Marktoberdorfer Historiker Rainer Christlein in einem Aufsatz in den Schwäbischen Blättern den Zustand der wertvollen Archivalie. Bereits zu diesem Zeitpunkt waren Wasserschäden aufgetreten, die die Lesbarkeit der Eintragungen stark beeinträchtigte.

Auf 350 Seiten hielten die Zunftschreiber in chronologischer Reihenfolge alle Veränderungen der Zunftzusammensetzung fest: die Neuaufnahme von Meistern und Gesellen, die «Aufdingung», also die Aufnahme und die Ledigsprechung von Lehrlingen.

Das Einzugsgebiet der Oberdorfer Zunft umfasste ungefähr knapp den heutigen Landkreis Ostallgäu ohne Füssen und Kaufbeuren.

Das Zunftbuch teilt mit, so Stadtarchivarin Ursula Thamm, dass im Berichtszeitraum 168 Maurer- und Zimmerlehrlingen 60 Neuaufnahmen von Meistern gegenüber standen. «Daraus können wir schließen, dass doch viele der Gesellen - und leicht lässt sich eine Brücke zur heutigen Arbeitsmarktsituation schlagen - das damalige Pflegamt Oberdorf für eine Arbeitsstelle verlassen mussten.» Unter ihnen befand sich Hans Georg Fischer, der bei seiner Aufdingung im Jahr 1694 in der Werkstätte des August Stickel im Wendelinshof bereits ein Lehrjahr hinter sich hatte und der später als Baumeister Johann Georg Fischer große Berühmtheit erlangte.

Zwei weitere für die Dokumentation der Marktoberdorfer Geschichte wichtige Zeugen des ältesten Archivbestandes befinden sich ebenfalls in gefährdetem Zustand: die Marktbücher von 1613 bis 1671 und von 1735 bis 1831. Das tägliche kommunalpolitische Geschehen dieser beiden Epochen ist in ihnen aufgezeichnet. Für die Stadtgeschichtsschreibung sind die Bände unverzichtbar.

Mäusefraß und Schimmelbefall

Nun sollen alle drei Archivalien in einer Restaurierungswerkstatt gerettet werden. Aus dem Wasserschaden, so Ursula Thamm, ist zwischenzeitlich ein Schimmelbefall entstanden, der durch Wässerung und Desinfektion beseitigt werden muss. Die Chance, dass die Schrift danach wieder klarer zum Vorschein tritt, sei laut den Fachleuten gut.

Mit dem an manchen Stellen durch Mäusefraß verursachten Textverlust werde man leben müssen, die Seiten erhalten jedoch durch Anfaserung ihre alte Stabilität wieder.

Die teils zerrissene, teils gänzlich aufgelöste Bindung der Bücher wird mit archivgerechtem Material erneuert. Die nicht sachgerechten älteren Reparaturen mit allerlei Klebemitteln und Klebebändern müssen entfernt werden. Und schließlich wird der Einband des ältesten Marktbuches vom Jahr 1613, ein bedrucktes Originalpergament, das vermutlich aus einem noch älteren Werk herrührt und als Einband benutzt wurde, restauriert.

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