Zweite Chance
Reinhard alias «Susi» (52) bekam im Betrieb von Julia Eß-Meier trotz seiner Behinderung eine Stelle als Barkeeper

Auch wer gerade keine Wohnung, kein Auto und keinen Partner sucht, für den könnte es sich trotzdem lohnen, den privaten Anzeigenteil der Zeitung zu durchforsten. Immer wieder stößt man auf lustige, skurrile oder auffallende Anzeigen. Wir greifen uns diese in einer Serie heraus, machen aus, wer sie geschaltet hat - und erzählen die Geschichte hinter der Anzeige.

Ein Dankeschön an das Hotel «Viktoria» in Oberstdorf. Hiermit möchte ich mich bei Frau Eß und Familie bedanken, dass sie mir die Chance gegeben haben, trotz meiner Behinderung einen Arbeitsplatz zu bekommen. Reinhard «Susi»

Oberstdorf «Reinhard Lamm, sehr erfreut», stellt sich der groß gewachsene Herr mit der roten Krawatte höflich vor. Dann betritt der 52-Jährige das Rollstuhlhotel Viktoria, wo er seit zwei Jahren als Barkeeper arbeitet. Als er die Türschwelle übertritt, wird Reinhard zu «Susi». Denn das ist nicht nur sein Spitzname, unter dem ihn alle Bekannten kennen. Es ist das wahre Wesen des Barkeepers, seine Flippigkeit, seine Aufgeschlossenheit, sein Talent, die Leute zu unterhalten.

Ein flotter Spruch jagt den Nächsten, alle an der Theke haben etwas zu lachen und auch die eigene Homosexualität wird nicht ausgelassen, um einen Kalauer zu landen. «Einmal saß ein richtiger Ur-Bayer an der Bar, der in unserem Gästebuch etwas über Susi gelesen hatte. Er sagte zu mir, er sei gespannt, was diese Susi wohl für eine Rassefrau sei», erzählt er fröhlich und lacht.

Doch nicht immer war alles so rosig in der Welt von Reinhard. Eine Sekunde der Unaufmerksamkeit veränderte im Jahr 2000 sein Leben. «Ich bin eigentlich nur eine Treppe hinuntergestürzt», beginnt er zu erzählen. Diagnose: offener Beinbruch. Die Wunde heilte nicht, Keime nisteten sich ein. Die Ärzte wollten das Bein abnehmen. Der 52-Jährige weigerte sich, entließ sich auf eigene Verantwortung.

Er hatte Glück. Am Ende konnte sein Bein gerettet werden. Es blieb jedoch steif. Die Zahl 50 Prozent steht seitdem in seinem Behindertenausweis. Doch sein Leben hatte sich zu 100 Prozent verändert.

Leiden kam erst nach der Reha

«Insgesamt drei Jahre habe ich im Krankenhaus und der Reha verbracht», erzählt der gelernte Textilveredler aus Gera. Doch erst danach sei das wirkliche Leiden losgegangen: «Ich wollte arbeiten. Wieder leben. Aber fünf Jahre lang gab mir niemand eine Chance», berichtet er. Und dann entdeckte er eine Stellenanzeige vom Hotel Viktoria. Sofort packte er seine Unterlagen und fuhr hin.

«Ich bin rein und habe gesagt: Wenn ihr mich nicht einstellt, wisst ihr nicht, was Euch entgeht», kommt bei dieser Erinnerung sofort wieder die freche Susi durch.

«Wenn das Hotel nicht wäre, wäre ich auch nicht», sagt Reinhard heute. Darum wollte er sich durch die Zeitungsannonce bei seiner Chefin Julia Eß-Meier offiziell bedanken. Für diese ist es hingegen selbstverständlich, dass Reinhard Teil des Teams ist: «Wir sind ein Integrationsbetrieb mit vielen behinderten Mitarbeitern. Ob gehörlose Zimmermädchen oder schwer diabeteskranke Kellner», sagt die 39-Jährige. «Susi ist bei uns in den vergangenen zwei Jahren eine richtige Institution geworden. Die Gäste lieben sie», erzählt die dreifache Mutter, die ihren Angestellten ganz selbstverständlich nur Susi nennt.

Das zeige vor allem die viele Fanpost, die Susi von den Gästen bekommt. Ein Großteil der Gäste des barrierefreien Hotels ist selbst gehbehindert und an den Rollstuhl gefesselt: «Sie genießen Susis lebensfrohe Art, mit ihrer Behinderung umzugehen», erzählt die Hotel-Chefin.

Das war jedoch nicht immer so. «Am Anfang habe ich sehr darunter gelitten, dass nichts mehr ist wie früher», erzählt Reinhard nachdenklich. Heute wird aber auch darüber gelacht: «Wenn ich bediene und drei Suppen trage, sind die Teller, bis ich an den Tisch gehumpelt bin, leer», sagt und grinst wieder durch und durch Susi.

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen