Waltenhofen
Rehkitz Vroni frühstückt am liebsten im Wohnzimmer

Es ist acht Uhr morgens und Vroni kann es kaum erwarten. Ungeduldig springt das kleine Rehkitz durch die Wohnung von Willebold (73) und Katharina (66) Abrell in Suiters bei Waltenhofen (Oberallgäu). Man muss kein Viehdoktor sein, um zu erkennen, welche Frage das sechs Wochen alte Tier umtreibt. Ein Blick in seine sehnsüchtigen braunen Augen genügt. «Die Kleine hat einen Bärenhunger», sagt Jäger Willebold Abrell.

Dann tischt er im heimischen Wohnzimmer ein Menü auf, von dem Vronis Artgenossen in freier Wildbahn nur träumen können. Als Aperitif gibt es ein Fläschchen Lämmermilch, danach kredenzt er seinem Gast geschälte Karotten - und zum Nachtisch ein Marmeladenbrot! «Auf die ist unsere Vroni ganz verrückt», schmunzeln die Abrells, die den Findling seit über einem Monat aufpäppeln. Ein Bauer hat das verwahrloste Neugeborene in seiner Weide entdeckt und den beiden Tierliebhabern übergeben.

Vronis Mutter wurde von einem Auto überfahren. Doch jetzt hat das Kitz neue Eltern. «Sie ist unglaublich zutraulich. Wir sind wie eine Ersatzfamilie für sie», sagt Katharina Abrell und streichelt ihrem «Adoptiv-Kind» übers Fell. Die Abrells kennen sich bestens aus mit verwaisten Rehen. Vor 15 Jahren hat Willebold zum ersten Mal ein Kitz aufgenommen und großgezogen.

«Es wurde zehn Jahre alt», sagt der Pflegevater nicht ohne Stolz. In freier Wildbahn hätte es vermutlich nicht länger als vier Jahre gelebt. «Spätestens dann wäre es von einem Jäger erlegt worden», sagt Abrell, der in seinem Gehege derzeit sechs Rehe pflegt. Fünf davon sind scheu und schreckhaft. Sie bleiben im Gehege.

Mit Familienanschluss

Vroni indes steht auf Familienanschluss - und geht im Haus der Abrells so selbstverständlich ein und aus wie sonst nur «Blanca», der Jagdhund der Abrells. Doch der darf nur aus dem Zwinger, wenn Vroni außer Reichweite ist. «Seit wir dieses Kitz großziehen, fällt es mir schwer auf andere Rehe zu schießen», bekennt Willebold, der seit immerhin 50 Jahren auf die Pirsch geht. Das Kitz ist ihm so ans Herz gewachsen, dass er es behalten will.

Zumal sich Vroni an besonderen Komfort gewöhnt hat: Das kuschelbedürftige Tierchen macht es sich an Fernseh-Abenden des Ehepaars sogar auf der Couch bequem. «Unsere Vroni», hat Katharina Abrell beobachtet, «guckt sich am liebsten Rosamunde Pilcher an.» Ein bisschen heile Welt tut offenbar auch einem verwaisten Rehkitz gut

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