Guggenberger
Regionaldekan nimmt in Oberstdorf Stellung zu den geplanten Strukturveränderungen in der Diözese

Verunsichert, enttäuscht oder besorgt reagieren viele Katholiken in der Region auf die von Bischof Konrad Zdarsa angekündigten organisatorischen Reformen in der Diözese Augsburg. Unser Redaktionsmitglied Etienne le Maire sprach darüber in Oberstdorf mit Pfarrer Peter Guggenberger, der in der fünften Amtsperiode Regionaldekan der Diözesanregion Kempten ist.

Sie haben erklärt, Sie teilen die Besorgnis vieler Katholiken über die jüngsten Verlautbarungen aus Augsburg. Liegen Sie im Clinch mit Ihrem Bischof?

Guggenberger: Nicht unbedingt: Über das Ziel, die Seelsorge auch für die Zukunft zu gewährleisten, besteht sicher große Einigkeit. Über die Wege nicht.

Über die Pastoralreform wird seit gut einem Jahr diskutiert. Dass es Zusammenlegungen geben wird, war bekannt. Warum fühlen sich Laien und Priester - auch Sie - überfahren?

Guggenberger: Über die Frage weiterer Zusammenschlüsse zu Pfarreiengemeinschaften sprechen wir seit einem guten Jahr. Völlig neu ist aber das Wort 'Fusion': Es gibt solche, die seit vielen Jahren gut zusammenarbeiten. Wir sind immer davon ausgegangen, das sei auch das Modell für die Zukunft.

Jetzt heißt es plötzlich, Pfarreiengemeinschaften seien nur ein Übergangsmodell - mit dem Ziel der Fusion. Das ist höchst problematisch. Das würde bedeuten, dass von derzeit etwa1000 Kirchenstiftungen nur noch 207 übrigblieben. 800 Stiftungen würden dann aufgelöst! Das Stiftungsrecht ist viel zu sensibel, als dass man mit ihm so weitreichende Veränderungen vornimmt. Es muss andere Wege geben, um effektiv in größeren Seelsorgeeinheiten zu arbeiten, ohne gleich die Eigenständigkeit aufzugeben.

Sind Sie grundsätzlich gegen Fusionen?

Guggenberger: Nein. Fusionen können dort sinnvoll sein, wo es die Gemeinden selber wünschen, wenn z.B. Tochterpfarreien wieder mit Mutterpfarreien zusammengehen. Aber das kann man nicht 1:1 auf die Landgemeinden übertragen, wo die Identifikation mit der eigenen Pfarrgemeinde eine ganz andere ist.

Wie sind denn die Erfahrungen mit Fusionen?

Guggenberger: Unterschiedlich. Es gibt ja zwei bekannte Beispiele in der Diözese: In Penzberg sind 'Tochter' und 'Mutter' nach 30 Jahren wieder beisammen, auf eigenen Wunsch und mit kräftiger Unterstützung der Diözese. In Kempten ist die von oben angeordnete Fusion zwischen St. Lorenz und Christi Himmelfahrt nicht gut gelungen, weil es über die Köpfe der Betroffenen einfach verfügt wurde.

Kempten hat 'Modellcharakter' dafür, wie man es bei Fusionen nicht machen darf. An einem guten Miteinander und einem offenen Dialog geht kein Weg vorbei.

In den größeren Seelsorgeeinheiten sollen neue Gremien geschaffen werden, die Pfarrgemeinderäte will man auflösen. Gibt es dafür einen Zeitplan?

Guggenberger: Die nächsten Pfarrgemeinderatswahlen stehen im Frühjahr 2014 an. Bis dahin will unser Bischof das neue Modell der Pastoralräte anstelle der bisherigen Pfarrgemeinderäte umsetzen. Es soll in den künftigen Pfarreiengemeinschaften nur noch einen gemeinsamen Pastoralrat mit dem Pfarrer als Leiter und einem Laien als Moderator geben.

Der wird gewählt? Oder bestimmt?

Guggenberger: Das ist offen. Das alles ist noch nicht bis zum Ende durchdacht.

Was müsste denn anders laufen, damit die Verunsicherung aufhört?

Guggenberger: Zurzeit ist kaum eine Gesprächskultur vorhanden, und wenig gegenseitiges Vertrauen. Gerade unter Christen sollte man aufeinander hören und gemeinsam eine Lösung suchen. Die Kompetenz vor Ort ist sicher ebenso groß, wie die in Augsburg.

Die Regionaldekane werden abgeschafft. Was halten Sie davon?

Guggenberger: Die Abschaffung der Regionaldekane und die Reduzierung der derzeit acht Diözesanregionen auf künftig vier halte ich für unüberlegt, unklug und vorschnell. Darüber wurde im Vorfeld auch nie geredet. Künftig sollen die vier Regionen Altbayern, Oberland, Allgäu und Schwaben sein – aber ohne Repräsentanten: ohne Regionaldekan und Regionalpastoralrat.

Braucht man die denn?

Guggenberger: Ich denke schon. Der Regionaldekan ist der Vorgesetzte der hauptamtlichen kirchlichen Angestellten und soll Mittler zwischen Diözese und Region, und zwar in beiden Richtungen sein. Und er ist Ansprechpartner für staatliche Stellen und andere Institutionen in der Region. Der Regionalpastoralrat ist oft Vordenkergremium für Weichenstellungen in der Region.

Wie reagieren Ihre Kollegen? Wie reagieren die Kirchenmitglieder?

Guggenberger: Da gibt es derzeit Ratlosigkeit, und zum Teil auch Resignation. Bei den Gläubigen herrscht Verunsicherung, zum Beispiel bei den Wort-Gottes-Feiern, die sonntags nur noch in Alten-, Pflegeheimen und Krankenhäusern möglich sein sollen. Es gibt außerhalb dieser Einrichtungen eine ältere Generation, die nicht mobil ist.

Deren Teilhabe am Kirchenleben kann man doch nicht auf Fernsehgottesdienste beschränken.

Man solle in gutem Miteinander Fahrgemeinschaften bilden, heißt es.

Guggenberger: Das geht oft an der Realität vorbei. Viele alte Menschen trauen sich einfach nicht, ihre Familieangehörigen Sonntag für Sonntag zu bitten, dass man sie zum Gottesdienst fährt. Deshalb muss auch in Zukunft eine Möglichkeit geben, dass sich die Gemeinde in der eigenen Kirche versammelt.

Was raten Sie den Menschen, die verunsichert sind?

Guggenberger: Die Gemeinschaft nicht aufgeben. Es ist gerade jetzt wichtig, sich bei den bevorstehenden Kirchenverwaltungswahlen heuer im November und künftigen Wahlen mehr denn je zu beteiligen. Und dass die Menschen wieder verstärkt zum Gottesdienst in die Kirche gehen. Die größte Gefahr ist die innere Verödung, dass man sich selber aufgibt.

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