Kempten
Raffiniert: ein Opernabend ohne Gesang

Ein Opernabend ohne Gesang - ist das nicht ein Ding der Unmöglichkeit wie etwa ein Stierkampf ohne Stier? Dennoch wurde im Stadttheater Kempten ein solcher Abend geboten, und zwar unter erstaunlich starkem Publikumszuspruch. Zuhörer-Zielgruppe waren nicht die Schwärmer für «schöne Stimmen». Sondern Leute, die Sinn für Satire, Humor und geistreiches Feuilleton zum Thema «Freischütz & Co.» haben. Und Leute, die musikalisch raffinierte Arrangements für neun Bläser zu schätzen wissen.

«Hat nicht die ganze Operngattung etwas Absurdes? Da singt sich ein Liebespaar stundenlang an, anstatt, was natürlich wäre, sich zu umarmen.» Joachim Reiber, geboren in Stuttgart, Literat und Musikwissenschaftler in Wien, geht bei seiner vergnüglichen Lesung am Pult an der Bühnenrampe gleich zu Beginn in die Vollen.

Dafür, dass der Gesang wirklich nicht vermisst wird, sondern eher störend oder mit seinem unvermeidlichen Pathos sogar lächerlich gewirkt hätte, sorgt in den Gag-Pausen Reibers das exquisite Albert Schweitzer Oktett mit je zwei Oboen, Klarinetten, Fagotten und Hörnern sowie einer Flöten-Solistin.

Denn die Arrangements dieser «Harmonie-Musik» konzentrieren den ganzen Orchestergraben samt Sängern auf die jeweils passenden Bläserstimmen - so tiriliert eine Oboe jene pikant-höchsten aller Koloraturtöne der Königin der Nacht, oder ein Heldentenor tut sich hervor in Form eines kernigen Hornsolos, oder Fagotte röhren aus dem Höllenschlund, wenn Don Giovanni den Steinernen Gast zum Essen bittet.

«Bässe wissens besser»

«Kürzere Stimmbänder gehen einher mit einem Mangel an Weitsicht» - dies ist einer der bissigen Seitenhiebe Reibers zu Mozarts «Cosi fan tutte». Jedoch sind nicht die Schönen der Schöpfung gemeint. Denn: «Bässe wissens besser. Der Bariton hat die Donna längst verführt, als der Tenor noch in den höchsten Tönen von Treue schwärmt.»

Köstlich auch, wie Reiber von Webers «Freischütz» aufs Korn nimmt. Die «zwei deutschen Nationalhymnen» darin (Jungfernkranz und Jägerchor) entlarvt er als Biedermeier-Muff: Im Unterschied zu Mozarts «Figaro» tue Agathe gar nichts, sondern sie hofft, sie glaubt, sie singt, droben walte ein heiliger Wille. Und der Jägerchor preist den Rückzug in die mondbeschienene Idylle des Forsthauses, anstatt den politischen Realitäten zur Napoleonzeit ins Auge zu sehen.

So lässt Spötter Reiber den niveauvoll-amüsanten Opernabend ohne Oper auch nicht mit der pompös-rauschhaften C-Dur-Schlussapotheose Webers enden. Sondern mit Mozarts heiterem Wiegen im Wellengang der Wirklichkeit: Quartetto e coro aus «Cosi fan tutte». Das Torerolied aus Bizets «Carmen» ist nur der «Rausschmeißer».

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