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Medizin
Psychiater Dr. Andreas Küthmann spricht über Beziehung von Gehirn und Geist

Es gibt also eine 'Erklärungslücke'. Etwas in der Beziehung von Gehirn und Geist eines Menschen, das wissenschaftlich nicht greifbar ist. Davon ist Dr. Andreas Küthmann, Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses in Memmingen, überzeugt. "Das subjektive Erleben" des Menschen sei mit den Prozessen in seinem Gehirn nicht gleichzusetzen, stellte der Psychiater fest. Es gebe etwas dazwischen, eben jene "Erklärungslücke". Küthmann referierte im Rahmen der Vortragsreihe "Glaube und Gehirn" des Evangelischen Bildungswerks.

Knapp 100 Zuhörer brachten den Schappelersaal des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses an seine Kapazitätsgrenze. Die tonangebende Richtung der Forschung, erklärte der Chefarzt, sei in den vergangenen Jahren der so genannte Naturalismus gewesen. Eine Richtung, die psychische Leiden in abweichenden Hirnaktivitäten zu erklären versuche. Küthmann widersprach dem deutlich.

An den messbaren Gehirnzuständen allein könne man nicht sehen, ob jemand krank oder gesund sei. Der Psychiater nannte ein Beispiel: Bei manchen Demenzpatienten, die im Alltag deutlich in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt seien, erkenne man im Kernspintomographen kaum eine Veränderung des Gehirns. Umgekehrt sehe man bei anderen, die im Alltag problemlos zurecht kämen, einen deutlichen Schwund der Gehirnsubstanz.

Messwerte sind nicht alles

'Die Bilder des Gehirns sagen kaum etwas aus', so der Arzt. Man dürfe vom Gehirnzustand nicht auf den geistigen Zustand schließen. 'Alle genetischen Befunde, Ergebnisse des Kernspintomographen und Laborparameter sind noch kein Seelenzustand. Der Mensch ist keine triviale Maschine.'

Die primäre ärztliche Aufgabe sei es, sich mit dem Menschen zu befassen, nicht mit seinen Messwerten. Küthmann erklärte, dass der Erfolg einer Psychotherapie zu 60 bis 70 Prozent von der Beziehung zwischen Patient und Therapeut abhänge.

Er kritisierte, dass manche Ärzte den Aufbau einer Beziehung zum Patienten versäumten, das Gespräch vernachlässigten, aus dem viele Erkenntnisse gezogen werden könnten, und stattdessen mehr auf Messwerte und Bilder setzten.

'Mir ist es passiert, dass ich zum Arzt gegangen bin und er sich mit mir nicht mehr unterhalten hat. Die Praxishelferin drückte mir einen Bogen in die Hand, in den ich meine Vorerkrankungen eintragen sollte.' Eine vertane Chance für den Arzt, wertete Küthmann, auch wenn Mediziner zunehmend administrative Aufgaben hätten. 'Es ist problematisch, jeden Lebensbereich der Ökonomie zu unterwerfen.'

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