Kokain
Polizeiaffäre in Kempten: Die Drogenstatistik und der Fall des Armin N.

Offenbar nicht allzu große Beute haben die Allgäuer Drogenfahnder in Sachen Kokain in mehreren Jahren gemacht. 2012 und 2010 beispielsweise ergaben dutzende Fälle nur einige hundert Gramm.

Gleichzeitig gingen - speziell in Kempten - dieFahndungserfolge bei Rauschgiftkriminalität zurück. Erzählen nüchterne Drogenstatistiken die Geschichte von Armin N., dem Chef-Drogenfahnder mit 1,6 Kilo Koks im Spind? Die Allgäuer Zeitung zeichnet mit Zahlen aus mehr als zwei Jahrzehnten die Entwicklung der Allgäuer Drogenszene nach.

Es ist das Jahr 2000, ein Abend im Herbst. Armin N. ist erst vor Kurzem zum Chef der Allgäuer Drogenfahnder aufgestiegen. Ermittler in diesem Bereich ist er bereits viel länger. An diesem Abend spricht er bei einer Podiumsdiskussion der Allgäuer Zeitung vor Eltern aus dem Oberallgäu. Es sind besorgte Eltern. Was sie fürchten, sind die Zahlen, die Armin N. vorstellt: Die Drogendelikte im Allgäu sind rasant gestiegen. Um 240 Prozent in zehn Jahren. Eine heile Welt, wird Armin N. sagen, gibt es im Allgäu nicht. Aber er wird ergänzen: Die Polizei habe ein waches Auge.

Dunkelfelderhellung. So nennen Ermittler das Phänomen. Übersetzt bedeutet das nichts anderes als: Wer genau hinsieht, findet mehr. Dieser Umstand ist es, der Drogenstatistiken so trügerisch macht, sagen erfahrene Ermittler. Kaum in einem anderen Bereich sei es so schwierig, von den Fallzahlen auf die tatsächlichen Probleme und Straftaten (dazu zählt auch die Beschaffungskriminalität) zu schließen. Allerdings deuteten hohe Fallzahlen auf eines hin: auf gute Polizeiarbeit.

In Kempten sind die Fallzahlen seit Anfang der 90er Jahre gestiegen. Parallel zum Handlungsbedarf. 1997 spielen sich 60 Prozent aller Allgäuer Heroinfälle in Kempten ab. Dort ist eine offene Szene entstanden. Ausgerechnet am zentralen Busknotenpunkt derStadt, wo täglich hunderte Schüler aus- und einsteigen. Aber nicht nur dort haben die Drogenfahnder Mitte der 90er Jahre alle Hände voll zu tun. Auch einige Gehminuten weiter, in der damaligen Asylbewerberunterkunft, geben sich Dealer und Süchtige die Klinke in die Hand. Männer werden kriminell, Frauen bezahlen den Stoff mit ihrem Körper. Im September 1997 schockiert ein Todesfall. Ein 18-jähriges Mädchen setzt sich den "Goldenen Schuss".

"Im Raum Kempten ist überproportional viel Rauschgift auf dem Markt", wird bald darauf Polizeidirektor Hans-Jürgen Memel sagen, heute Präsident des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West. Seine Arbeitsgruppe "Rauschgift" ist gerade ein Jahr alt. Die Statistik in dieser Zeitspanne: 170 Festnahmen und 19 Razzien im Milieu. 1998 vermeldet die Polizei: keine offene Szene mehr in Kempten.

Die Fallzahlen gehen zurück. Bis zur Jahrtausendwende. Um diese Zeit übernimmt Armin N. das Ruder bei der Drogenfahndung. Die Fallzahlen steigen wieder. Eklatant. In den Jahren 2004 und 2005 erreichen die Drogenfahnder Spitzenwerte. In Kempten und dem direkten Umland geht es um weit über 500 Fälle im Jahr. Aber nicht nur in Kempten wird viel ermittelt: 2005 sind die Zahlen im gesamten Präsidium höher als je zuvor.

Doch der Rückgang lässt nicht lange auf sich warten. 2006 ist es so weit. Im gesamten Präsidium werden nicht mehr so viele Drogendelikte registriert. Es sind über 500 Fälle weniger innerhalb eines Jahres. Und die Zahlen fallen weiter. 2009 und 2010 macht das Präsidium die Rauschgiftermittlungen zu einem Schwerpunkt, stellt über 26 Kilogramm Kokain sicher. In und um Kempten gehen die Fallzahlen dennoch weiter zurück, erst 2012 steigen sie wieder an.

Liegt es am ähnlichen bayernweiten Trend? Statistiken weisen insgesamt weniger Rauschgiftkriminalität aus. Oder müssen die Zahlen in Zusammenhang mit der Affäre um Chef-Drogenermittler Armin N. gesehen werden? Präsidiumssprecher Christian Owsinski konnte dazu am Wochenende nur sagen, dass es "zwangsläufig zu gewissen Schwankungen in den Zahlen" bei Drogendelikten komme. Die Mengen sichergestellter Betäubungsmittel seien nur "Momentaufnahmen".

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